Re-Start in den Schulen – Wieder ankommen im Schulalltag

Kategorie: Schulen

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Carolin Friedl, Schul­leiterin Grundschule Jagdfeldschule:
„Zu dramatisieren, würde einfach den Blick in die Vergangenheit bedeuten und ich würde gerne den Blick auf die Zukunft richten.“

Die „neue Normalität“ in Haars Schulen

Es sind noch gut 15 Minuten, bis der Gong ertönt. Die Gänge der Schulen füllen sich mit Schülern, die fröhlich reden und plappern. Es ist eine Situation, die das fast gewohnte Bild morgendlichen Treibens jeder Durchschnittsschule widerspiegelt – vor Corona. Nur Masken über Mund und Nase der Sechs- bis Achtzehnjährigen erinnern an die Pandemie, die immer noch nicht vorbei ist.  Nach mehr als einem Jahr Wechsel- und Distanzunterricht dürfen Haars Kinder und Jugendliche seit einigen Tagen wieder in ihre Schulen. Allerorts überwiegt die Freude, bestätigen die Schulleiter des Ernst-Mach-Gymnasiums, der Mittelschule und der Grundschule am Jagdfeldring, dennoch ist noch niemand in der „neuen Normalität“ richtig angekommen. „Die Stimmung ist gut, aber für Lehrer und Schüler ist es noch ungewohnt, die Schule wieder so ganz voll zu erleben und sich wieder viele Menschen in einem Raum befinden“, weiß Oberstudiendirektorin Gabriele Langer vom Ernst-Mach-Gymnasium. „Es ist ambivalent: auf der einen Seite ist es schön und spannend, auf der anderen Seite ist es den Schülern ist bewusst, dass es jetzt anders ist.

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Das andere „Normal“

Das frühere „Normal“ empfinden viele ihrer Schüler- und Lehrerschaft heute anders und neu, einigen ist es vielleicht sogar ein wenig fremd. Nach der langen Phase der geforderten „Distanz ohne engeren Kontakt zur Außenwelt“ hat sich bei den meisten der Blick auf Menschengruppen und menschliche Nähe verändert. Manche Bereiche des Gymnasiums beispielsweise sind zu eng für die geltenden Abstandsregeln. „Seitens der Schüler und Lehrer ist nach wie vor eine große Bereitschaft da, sich trotzdem daran zu halten. Wenn ich so durch die Gänge gehe oder in die einen oder andere Unterrichtsstunde, erlebe ich, dass die Begeisterung, die Klassenkameraden zu sehen und wieder einen Tagesrhythmus zu haben, überwiegt“, so Langer.

Schritt für Schritt in den Neuanfang

Das Gebot der Stunde laute, den Kindern und Jugendlichen Zeit zu lassen, sich wieder zurechtfinden zu können und nicht vorschnell irgendwelche Rückschlüsse hinsichtlich möglicher Defizite zu ziehen: „An erster Stelle steht wieder in das „gemeinsame Miteinander“ zu kommen, nicht eine Checkliste, die wir abarbeiten und die festhält, was der eine oder andere verpasst hat, wo man nachlernen muss“, sagt die Schulleiterin. „Wir müssen auch darauf schauen, welche Kompetenzen dazu gekommen sind. In bestimmten Bereichen wie Zeitmanagement, Selbstorganisation, Umgang mit IT-gestützten Lernformen hat die Mehrheit der Schüler deutlich zugelegt.“ Hilfreich sei im Eingewöhnungsprozess der Impfstatus der Lehrerschaft. „Sie sind versorgt, das erleichtert die Situation enorm und baut Ängste ab, die verständlicherweise da sind, wenn der Schutz nicht gegeben ist. Ich bin sehr froh, weil das Gefühl, dass sich ein Kollege möglicherweise hier anstecken könnte, sehr beängstigend ist“, offenbart die erfahrene Oberstudienrätin, die weiterhin an den Hygienemaßnahmen festhält.  „Noch sind wir nicht durch mit der Pandemie, von daher bleibt die Maskenregelung, die wir immer wieder ins Gedächtnis rufen.“ Genauso müssen sich die Schüler montags und mittwochs mit inzwischen drei verschiedenen Kits einem Schnelltest unterziehen, um am Unterricht teilnehmen zu können. Ein Prozedere, das sehr gut läuft, teilt Gabriele Langer mit: „Chapeau vor meiner Lehrerschaft und den Schülern, wie geräuschlos das läuft.“

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Leistungsstress vermeiden

Markus Fauth, Rektor an der Mittelschule, bekräftigt die Maßnahmen: „Wir haben nach wie vor Maskenpflicht, die Schüler müssen OP- oder FFP2-Masken tragen und wir testen zweimal pro Woche Montag und Donnerstag.“ Das finde ohne größeres Murren statt, so Fauth: „Meine Schüler freuen sich riesig, dass es endlich wieder losgeht. Sie kommen langsam wieder an, jeder Tag mehr wird ein bisschen mehr zur Normalität. Wie seiner Kollegin Langer, geht es Fauth und seinem Kollegium vorrangig darum, den Schülern die Chance zu geben, sich wiedereinfinden zu können, ohne allzu großen Lernstress: „Wir wollen sie nicht mit Leistungsnachweisen überschütten, sondern schauen, wo sie jetzt stehen“, erklärt Fauth. Dazu wollen seine Lehrer möglichst schnell den Leistungsstand feststellen, um dann anfangen zu können, die entstandenen Lücken in den nächsten Wochen systematisch zu schließen. „Wir werden vermutlich nicht alles schaffen, aber ich bin sehr zuversichtlich, dass wir es im nächsten und übernächsten Jahr langsamer angehen, damit wir die Schüler dahin bringen, wo sie sein sollten.“

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Mut zur Lücke – Konzentration aufs Wesentliche

Schon nach wenigen Tagen Unterricht sind teils „kräftige Lücken“ unübersehbar, meint Fauth, besonders in den Hauptfächern Mathematik, Deutsch und Englisch. „In manchen Fächern können wir unwichtigere Teile weglassen, weil die nicht aufbauend sind, beispielsweise in Biologie. Da nimmt niemand einen Schaden fürs Leben, wenn man da etwas nicht weiß. Wir konzentrieren uns in der Aufholarbeit auf die Hauptfächer. Kinder, die zuhause entsprechende Unterstützung hatten, betrifft das nicht, sie bekommen ganz schnell wieder den Anschluss.“ Es seien vor allem Schüler mit Migrationshintergrund, die ohne Hilfe eines Erwachsenen auskommen müssen und ohne Strukturen aufwachsen, außerdem oft mit Sprachproblemen zu kämpfen haben. In den neunten und zehnten Klassen, die mitten in den Abschlussprüfungen stecken oder kurz davor stehen, pauken Lehrer mit den Prüflingen drei Stunden intensiv Mathe pro Tag: „Wir arbeiten gezielt und versuchen, die Schüler an die Prüfungen in den Hauptfächern heranzuführen. Damit sollen sie Sicherheit gewinnen.“ Um aber alle Mängel bei den Schülern ausgleichen zu können, bedarf es laut Einschätzung Fauths die nächsten zwei Jahre: „Dann können wir wahrscheinlich wieder einen ganz normalen Lehrplan fahren.“ Ein weiterer Punkt auf der „Zurück in den Schulalltag“-Liste sei die Motivation der Kinder, wieder anzuschieben. Oft sich selbst überlassen, hat sich der Biorhythmus an eine andere Tagestaktung gewöhnt. „Es gibt Schüler, die im Unterricht einschlafen. Die Aufmerksamkeitsspanne zwischen sechs und acht Stunden pro Tag zu halten, ist für viele derzeit schwierig. Methodisch müssen die Lehrer mehr Pausen machen oder andere Dinge zwischendrin, weil die Schüler das momentan nicht mehr durchhalten.“

Zurück zur Schule mit Spaß

Mit diesem Problem kämpfen die Lehrerinnen für die ersten bis vierten Klassen eher selten, stellt Carolin Friedl, Schulleiterin der Grundschule am Jagdfeldring, fest: „Jüngere Kinder schlafen vom Biorhythmus her noch nicht bis spät in den Morgen. Im Distanzunterricht haben wir die Taktung und Rhythmisierung weitgehend aufrechterhalten. Wir beobachten, dass die Kinder sehr präsent sind, mit viel Neugierde und Bewegungsdrang, das hat sich eigentlich nicht verändert.“  In den Klassen dürfen die Kinder wieder alle gemeinsam sitzen, erzählt Carolin Friedl, hauptsächlich gehe es momentan darum, Dinge zu machen, die „für sie schön sind“. So oft wie möglich gehen die Lehrerinnen mit ihren Klassen auf die Wiese oder den Sportplatz. „Es konnten auch das ganze vergangene Jahr keine Ausflüge stattfinden, solche Dinge wollen wir wieder andenken. Wir haben gerade eine Klasse, die erstmalig wieder in ein Museum gehen wird, das ist tatsächlich etwas ganz Aufregendes. Solche Dinge sind ganz wichtig, damit wir zum Schulleben, nicht zum Schulalltag zurückkehren. Zudem beginnt die Schulsozialarbeit mit ihrer „Für uns“- Stunde. Lehrerinnen können sich mit ihrer Klasse eintragen, um Gedanken fließen lassen zu können. Obendrein arbeiten alle Klassenstufen an einem kooperativen Projekt, angelehnt an den „Kleinen Prinzen“: „Es geht um das Thema Freundschaft.  Alle haben sich im Vorfeld Gedanken gemacht. Gemeinsam versuchen wir, die Kinder wieder gut ankommen zu lassen.“

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Keine schlechte Note für Distanzunterricht

Auch bei den Kleinsten, gehe es nicht um Leistung, sondern darum den Ist-Stand zu ermitteln, um mögliche Schwächen aufspüren und dann wirksam bearbeiten zu können. „Wir haben den Vorteil des Grundunterrichts, das fließt ineinander, von daher haben wir mehr Spielraum als weiterführende Schulen, aber wir müssen natürlich ermitteln wo die Kinder in Deutsch und Mathematik stehen“, erläutert Friedl.  „Da müssen wir schauen, inwiefern die Eltern noch unterstützen können und wo die Schule noch mehr Angebote bereitstellen muss. Im Hinblick auf das nächste Jahr müssen wir uns noch Gedanken machen, wie wir das durch Differenzierungen auffangen können.“ Derzeit erhebt das Kollegium noch den Leistungsstand der Kinder. Eines sei aber schon erkennbar: „Der Distanzunterricht lief im Großen und Ganzen auch gut. Wir müssen uns im Einzelfall noch Klarheit verschaffen, was ein Kind noch wiederholen sollte, insgesamt sind wir mit dem Stoff gut weitergekommen“, stellt Friedl fest.

Panik ist unangebracht

Aus Sicht der Schulleiterin sei Schwarzmalerei nicht angebracht und ein schlechter Ratgeber für die kommende Zeit: „Es sind Kinder, die ihr Leben erst begonnen haben und ich glaube, die arrangieren sich mit Situationen und sind anpassungsfähig, sie werden sich finden. Die Kinder sind an dem, was sie jetzt miterlebt haben, sicherlich ein ganzes Stück gewachsen und gereift, wenn auch nicht unbedingt so, wie wir uns das erwünscht haben. Zu dramatisieren, würde einfach den Blick in die Vergangenheit bedeuten und ich würde gerne den Blick auf die Zukunft richten.“

Für Sie berichtete Manuela Praxl.

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