Ein Haus für alle
Das Haus hat eine neue Farbe und ein neues Dach. Auch das Team hat sich neu aufgestellt. Geblieben ist das, wofür das Haarer Jugendkulturhaus Route 66 seit Jahrzehnten steht: ein offenes, buntes, kreatives, musikalisches und soziales Miteinander. Möglichst ohne Barrieren und Grenzen.
„Wir sind ein Begegnungsort für Menschen, die sich sonst nicht treffen würden.“ Für diesen Satz erntet Hannes Leitner zustimmendes Kopfnicken von seinem Team. Denn er bringt auf den Punkt, worum es bei der Arbeit im Jugendkulturhaus an der Vockestraße geht. Das sehen auch seine Kolleginnen Doris Mayer und Nina Köstlmeier so.
Von Integration zur Inklusion
Begegnung hat in dem Gebäude, das seit 1963 im Osten Haars steht und unter der Trägerschaft des Kreisjugendring München-Land steht, eine lange Tradition. Von Anfang an trafen sich hier junge Menschen – bunt gemischt, offen und frei, aber dennoch pädagogisch begleitet. Seit den 1980er-Jahren gehören auch Angebote für Jugendliche mit Handicap fest zum Programm. Damals wurde der Behinderten-Nichtbehinderten-Treff als Integrationsprojekt gegründet. An einem festen Tag im Monat öffnete das Jugendhaus für diese Begegnungen seine Türen. Im alltäglichen offenen Betrieb waren Jugendliche mit Handicap allerdings noch kaum vertreten.
Heute geht das Team einen entscheidenden Schritt weiter: Inklusion soll nicht an einem bestimmten Termin stattfinden, sondern im Alltag selbstverständlich werden. „Wir sind ein Haus für alle“, betonen die drei. Am liebsten müssten sie das irgendwann gar nicht mehr ausdrücklich sagen.
Noch ist dieser Gedanke jedoch nicht überall angekommen. Manche Barrieren bestehen weiterhin – vor allem in den Köpfen. Dennoch können bereits einzelne Menschen mit Handicap am offenen Betrieb teilnehmen. Auch inklusive Ferienfahrten und Ausflüge gehören längst zum Programm, inklusive Bands stehen regelmäßig auf der Bühne. Das Angebot ist da und wächst weiter.
Lernen fürs Leben
Begegnung ist im Route 66 nicht nur ein Grundsatz auf dem Papier. Sie wird in vielen innovativen Projekten gelebt – stets auf Augenhöhe mit den Jugendlichen. An zwei Nachmittagen pro Woche besuchen Schülerinnen und Schüler der Mittelschule Haar das Jugendkulturhaus im Rahmen der gebundenen Ganztagsklassen. Hier erleben sie Schule außerhalb des Klassenzimmers und erwerben Wissen, das ihnen im Alltag, im Zusammenleben und bei ihrer persönlichen Entwicklung hilft. Es geht um Demokratie und Konfliktfähigkeit, um Medienkompetenz, praktische Alltagsfähigkeiten und vor allem um die Entwicklung einer eigenen Identität. Die Jugendlichen werden bewusst aus der virtuellen in die reale Welt geholt. Leistung und Noten stehen dabei nicht im Vordergrund. Stattdessen bietet das Route 66 Raum für Themen, die im gewöhnlichen Schulalltag häufig zu kurz kommen. „Die Zusammenarbeit mit der Schule ist top“, freut sich Hannes Leitner.
Musik für alle
Und dann ist da natürlich noch die Musik. Die spielt im Jugendkultur-haus eine große Rolle: Im Keller können Bands (unter 27 Jahre) kosten-frei proben, es gibt ein Tonstudio und sogar Instrumente, die den Jugendlichen zur Verfügung stehen – unabhängig davon, ob sie mit oder ohne Handicap leben.
Wie erfolgreich dieses Konzept ist, zeigt die inklusive Hausband „Route Rockers“. Sie stand bereits mehrfach auf der Bühne der Oidn Wiesn und spielt demnächst sogar im Vorprogramm von Hannes Ringlstetter. Doch auch alle anderen Musikerinnen und Musiker können hier Bühnenerfahrung sammeln: bei den gut besuchten Konzerten im Jugendkulturhaus oder bei der jährlichen Veranstaltung „Haar rockt!“ im Rahmen des SOMMA-Festivals der Stadt Haar. Dort war bereits eine befreundete Band aus der Partnergemeinde Ahrntal zu Gast. Denn auch über die Grenzen Haars hinaus entstehen durch das Route 66 Begegnungen und Freundschaften.
Brücken in viele Richtungen
Brücken bauen – das gelingt im Route 66 wirklich auf besondere Weise: In der Nachbarschaft leben geflüchtete Familien, im Gebäude sind mit dem Burschenverein und der Dirndlschaft auch traditionelle Vereine zu Hause. Im Keller und auf der Bühne treffen Bands unterschiedlichster Genres aufeinander. Mittendrin trifft man Menschen mit Handicap, Jugendliche werden für das Leben gestärkt und durch den Austausch mit Südtirol entstehen internationale Freundschaften. Und das alles getoppt mit Riesenspaß. Was all das miteinander verbindet? Offenheit. Offenheit gegenüber anderen Menschen, neuen Ideen und einer Zukunft, in der Vielfalt nicht erklärt werden muss, sondern selbstverständlich ist.
Für Sie berichtete das Haarer Stadt Echo.











