Erstmals in Haar: Zum Auftakt treffen sich Bücherfreunde zum „Silent Reading“ am Haarer Anger.
Nichts geht über ein gutes Buch
Pfarrerin Annedore Becker sitzt auf einer Picknickdecke wie andere auch im schmalen Schattenstreifen entlang der VHS. Wie öfter in diesem Sommer weist das Thermometer 35 Grad aus. Wer seinem Körper an diesem Nachmittag eher Ruhe gönnen will, kann sich dennoch bewegen – und zwar geistig. Silent Reading bietet großen und kleinen Lesefreunden die Gelegenheit mit anderen gemeinsam unter freiem Himmel eine Stunde lang in einem Buch zu versinken. Ob es dabei um die Abenteuer des kleinen Drachen Kokosnuss oder um ein sprachlich anspruchsvolles Monumentalwerk wie „Unendlicher Spaß“ von David Foster Wallace geht, ist nicht entscheidend: „Viele haben ein eigenes Buch aus allen erdenklichen Genres mitgebracht, eben das, was gerade auf dem Nachttisch liegt. Wir haben zudem welche bereitgestellt, in die man mal reinschmecken konnte“, erzählt Regina Strunden, Filialleiterin des Buchladens Haar.
Modell mit Perspektive
In Zeiten nachlassender Aufmerksamkeitsspannen florieren Angebote wie das sogenannte Silent Reading. Das Konzept ist simpel: Menschen schnappen sich ihr Lieblingsbuch und treffen in Cafés, Bibliotheken oder Parks auf Gleichgesinnte, um eine Stunde in Ruhe zu lesen. Wer will kann sich anschließend über Inhalte austauschen – zwanglos und unkompliziert, es gilt das Motto: Alles geht, nichts muss! „Wir können uns gut vorstellen im Anschluss eine Gesprächsrunde anzubieten, für die, die es wollen. Es soll aber kein Lesezirkel werden“, betont Strunden. Auf das Format „Silent Reading“ sei sie im Internet gestoßen: „ Momentan schlägt das in der Buchwelt eine Welle. Wir suchen immer nach alternativen Veranstaltungen, da die klassische Lesung nicht mehr so gut funktioniert und konnten uns das für Haar gut vorstellen.“ Gleich der erste Versuch, das Format zu etablieren, gelingt: „Es hatte etwas von „Trial and Error“ – Veranstaltung. Viele kamen trotz des extremen Wetters. Wir waren echt hin und weg.“
Fortsetzung folgt
Aktuell überlegt das Buchladen- Team, wo das Kooperationsprojekt mit der Stadtbücherei als nächstes stattfinden kann: „Es soll kein einmaliges Experiment bleiben und weitergehen. Wenn wir die nächsten Termine haben, geben wir sie zeitnah heraus. Wir liebäugeln damit den Sommer nochmals zu nutzen.“ Das Konzept „Silent Reading“ will dazu beitragen, Menschen wieder fürs Buch zu begeistern, da die Leseleidenschaft laut einiger Statistiken immer weiter abnimmt: „Statistiken gehen immer durch die Presse und es stellt sich die Frage unter welchen Kriterien sie entstanden sind. Generell würde ich das aber für die Jugend unterschreiben“, so Strunden. Das Format könne gut als Brücke dienen, um die Hürde sich mit Büchern auseinanderzusetzen zu überwinden, kann sich Strunden vorstellen. „Man muss nur zu den ungezwungenen Treffen kommen und schon hat man Anschluss gefunden. Ich kann sagen: es ist sehr charmant, wenn jeder in sein Buch vertieft ist. Die Atmosphäre ist fantastisch.“
Für Sie berichtete Manuela Praxl.











