Puppenkunst gegen das Totenschweigen

Kategorie: Veranstaltungen

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Kein Theater: Die verletzliche Kunstform zeigt den qualvollen Überlebenskampf von Friedrich Zawrel auf erschütternd unmittelbare Weise.

„F. Zawrel – erbbiologisch und sozial minderwertig“

Nikolaus Habjan sitzt auf einem einfachen Stuhl am linken Bühnenrand im Kleinen Theater Haar. Vor ihm steht ein Tisch, neben ihm sitzt der in die Jahre gekommene Friedrich Zawrel in Form einer sogenannten Klappmaulpuppe. Mit ein wenig wienerischem Schmäh sorgt die Figur zunächst für allgemeines Lächeln im Publikum, das den meisten jedoch schnell im Gesicht einfriert. Zawrel, die Puppe, erinnert an das Martyrium seiner Kindheit während der nationalsozialistischen Diktatur. Das endet nicht nach dem Zweiten Weltkrieg.

Als „minderwertig“ abgestempelt
Friedrich Zawrel (1929 – 2015) ist keine fiktive Figur eines Romans, sondern eine reale historische Person. Als Jugendlicher überlebt der Österreicher das Kinder-Euthanasie-Programm des NS-Regimes. Seine frühen Jahre zählen zu den wenigen, gut dokumentierten. Zawrels Eltern sind jung. Der Vater ist Alkoholiker, die Mutter schafft es nicht genügend Geld zu verdienen, um der Familie dauerhaft ein Dach über dem Kopf zu bieten oder für ausreichend Nahrung zu sorgen. Seit seinem sechsten Lebensjahr kennt Friedrich verschiedene Erziehungsheime und Pflegeeltern. Schließlich landet der Junge 1941 in der berüchtigten Krankenanstalt „Am Spiegelgrund“ mit einer „Kinderfachabteilung“ in Wien. Dr. Heinrich Gross stuft den 12-Jährigen als „erbbiologisch und sozial minderwertig“ ein. Rund 7500 Patienten, darunter etwa 800 kranke, behinderte und angeblich erblich belastete Kinder und Jugendliche sterben bis 1945 in der Einrichtung. Friedrich Zawrel gelingt es aus der Anstalt zu fliehen. In den 1970er Jahren begegnet er dem zwischenzeitlich renommierten Arzt wieder und spricht ihn auf das Geschehene an. Es soll noch einmal viele Jahre dauern, bis Zawrel seinen Peiniger im Jahr 2000 vor Gericht bringen kann. Der will sich wegen seiner vermeintlichen Demenzerkrankung an nichts erinnern können. 15 Jahre später stirbt Friedrich Zawrel.

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Zwei Anstalten, dasselbe mörderische System
Nikolaus Habjan und Simon Meusburger erzählen in ihrem beeindruckenden Figurenstück die berührende Lebensgeschichte des Friedrich Zawrel, die sie in vielen Gesprächen mit ihm erfahren. Die Art ist gleichwohl untypisch wie mitreißend und eindrücklich. Nikolaus Habjan steht während des Stücks mit den Klappmaulpuppen allein auf der Bühne. Das Spiel ist intensiv und benötigt keine weiteren Requisiten. Um in die Zeit und Situation zu versetzen, laufen anfangs kurze historische Aufnahmen von Aufmärschen jener Zeit oder Hitlerreden im Hintergrund. Die historische Symbolik des Stücks verschärft der Spielort, das Kleine Theater Haar. Das Gebäude gehört zum Gelände der heutigen kbo-Isar- Amper-Klinik. Während der NSZeit ermorden in der damaligen „Heil- und Pflegeanstalt Eglfing- Haar“ Ärzte in einer „Kinderfachabteilung“ über 300 Kinder im Rahmen des Euthanasie-Programms „Aktion T4“. Insgesamt sterben dort nahezu 4000 Menschen durch gezielt angeordnetes Hungern, Vernachlässigung und Gift.

Ein preisgekröntes Mahnmal auf der Bühne
Die besondere Theaterkunst geht vielen im Publikum unter die Haut und zeigt durch Zawrels qualvollen Überlebenskampf nicht nur die grausame Absicht eines menschenverachtenden Regimes, sondern bricht auch das jahrzehntelange Schweigen und lehnt sich so radikal gegen das Vergessen auf. In bisher über 600 Vorstellungen lebt das Opfer der Torturen weiter. Der Regisseur und Puppenspieler Habjan, 1987 in Graz geboren, setzt sich bereit seit seinem 16. Lebensjahr mit Puppentheater auseinander. Später studiert Habjan Musiktheaterregie an der Universität für Musik Darstellende Kunst in Wien. Zu seinen ersten Puppentheater- Produktionen zählt „F. Zawrel – erbbiologisch und sozial minderwertig“. 2012 erhält die Produktion den Nestroy Preis. (Im deutschsprachigen Raum gilt die Auszeichnung als die bedeutendste für Theater- und Bühnenkunst.)

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Menschen, die von psychiatrischen Behandlungen, seelischen Krisen
oder psychischen Erkrankungen betroffen sind, finden hier Ansprechpartner:
Müpe Münchner Psychiatrie- Erfahrene
(Selbsthilfeorganisation von und für Menschen mit psychischen
Krisen- oder Psychiatrie-Erfahrungen),
Thalkirchner Str. 10/1. Srock, 80337 München,
Tel.: 089 – 260 230 25.

Für Sie berichtete das Haarer Stadt Echo.

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