Von der B 304 bis Transsilvanien: Dr. Peter Siemsen verfolgt die möglichen Spuren von Bram Stokers Dracula im Münchner Osten und wirft zum Halloween-Fest einen Blick auf Ursprung und Faszination des Vampirmythos. (Foto/Illustration: Privat, KI-generiert)
Halloween vor der Haustür
Wenn an Halloween wieder Gespenster, Hexen und Vampire durch die Straßen ziehen, lohnt sich ein Blick auf die B 304. Denn eine Spur der berühmtesten Vampirgeschichte der Welt führt womöglich direkt durch Haar.
Der geschichtsinteressierte Lokalpolitiker und Chemiker Dr. Peter Siemsen hat Hinweise darauf zusammengetragen, dass die Route in Bram Stokers Erzählung „Draculas Gast“ entlang der heutigen B 304 verlaufen sein könnte. Seine Spurensuche führt jedoch nicht nur zu Dracula, sondern auch zu einer Frage, die Menschen seit Jahrhunderten beschäftigt: Warum glaubte man überhaupt an Vampire?
„Der Vampirmythos ist im Kern der Versuch früherer Gesellschaften, Unerklärliches und Bedrohliches greifbar zu machen“, erklärt Siemsen und verweist auf die historischen Wurzeln des Vampirglaubens.
Die heute selbstverständliche Verbindung von Halloween und Vampiren ist dabei vergleichsweise jung und vor allem ein Produkt der Populär- und Unterhaltungskultur. Die Wurzeln des Vampirmythos reichen deutlich weiter zurück. Im Spätmittelalter sowie im 17. und 18. Jahrhundert dienten Geschichten von sogenannten Wiederkehrern in Teilen Mittel-, Ost- und Südosteuropas häufig als Erklärung für Seuchen, unerwartete Todesfälle oder andere kaum erklärbare Ereignisse. Mangelnde medizinische Kenntnisse förderten solche Vorstellungen.
Natürliche Verwesungsprozesse konnten den Eindruck erwecken, Verstorbene seien nicht wirklich tot. Infektionskrankheiten wie Tollwut, Pest und Typhus oder das Phänomen des Scheintods nährten zusätzlich den Aberglauben. Auch die seltene Stoffwechselerkrankung Porphyrie wird gelegentlich als möglicher Ursprung einzelner Vampirvorstellungen diskutiert.
Im 19. Jahrhundert wandelte sich das Bild des Vampirs grundlegend. Aus der unheimlichen Gestalt der Volksüberlieferung wurde im Zeitalter der Romantik eine faszinierende Schauerfigur. Ihren weltweiten Durchbruch erlebte sie schließlich mit Bram Stokers Roman Dracula aus dem Jahr 1897.
Besonders spannend ist dabei ein regionaler Bezug, den Peter Siemsen herausgearbeitet hat. Das vermutlich ursprünglich geplante Einleitungskapitel des Romans, das später als eigenständige Kurzgeschichte „Draculas Gast“ veröffentlicht wurde, beginnt in München. Der Protagonist verlässt am Walpurgisabend trotz eindringlicher Warnungen sein Hotel und bricht zu einer Fahrt in die Umgebung auf. Dort gerät er nahe eines verlassenen Dorfes in ein Unwetter und erlebt unheimliche Ereignisse.
„Die Schilderungen Stokers enthalten erkennbare geografische Bezüge zum Münchner Umland um die Jahrhundertwende“, erläutert Siemsen. Für ihn spricht vieles dafür, dass die beschriebene Route entlang der damaligen Hauptverkehrsachse zwischen München und Wien und damit entlang der heutigen B 304 verlief. Die von ihm dargestellte Verbindung wird inzwischen auch im deutschsprachigen Wikipedia-Eintrag zu „Draculas Gast“ erwähnt. Für Gruselfans aus der Region erhält die Geschichte dadurch eine besondere Perspektive.
„Es verleiht dem eigenen Schul- oder Arbeitsweg ein völlig neues Gefühl, wenn man weiß, dass hier vielleicht die gedankliche Vorlage für eine der bekanntesten Schauergeschichten der Welt verortet ist“, so Siemsen.
Doch warum faszinieren Vampire bis heute?
„Der Vampir gehört zu den wandlungsfähigsten Figuren der Kulturgeschichte“, erklärt Siemsen. Ursprünglich stand er für die Angst vor Tod, Krankheit und dem Unbekannten. Später wurde er zur Projektionsfläche für Sehnsüchte wie Unsterblichkeit, Jugend, Macht und geheimnisvolle Eleganz. Gleichzeitig spiegeln Vampirgeschichten oft gesellschaftliche Unsicherheiten wider.
„Wir leben in einer Zeit großer Veränderungen und hoher Komplexität. Der Vampir verkörpert dabei einerseits diffuse Bedrohungen und das Gefühl des Kontrollverlusts. Andererseits bietet er eine klare Symbolik und die Möglichkeit, sich spielerisch mit Ängsten auseinanderzusetzen“, so Siemsen. Halloween schaffe dafür bis heute einen passenden kulturellen Rahmen.
Bleibt zum Schluss die augenzwinkernde Frage, wie sich ein Vampir in der modernen Welt schlagen würde.
„Technisch gesehen hätte er es leichter als viele denken“, meint Peter Siemsen mit einem Schmunzeln. „Nach Bram Stokers ursprünglicher Vorlage zerfällt ein Vampir bei Tageslicht keineswegs zu Asche, sondern ist lediglich etwas geschwächt. Moderne Kameras und Spiegel funktionieren außerdem ohne Silber. Ein Vampir könnte an Halloween problemlos unter Kostümierten untertauchen, Selfies machen, einen Social-Media-Kanal betreiben und dank moderner Sonnenschutzcremes mit Lichtschutzfaktor 50+ vermutlich sogar einen Nachmittagsspaziergang wagen.“
Die eigentliche Herausforderung läge anderswo:
„In Zeiten von Personalausweis, Bargeldlosigkeit, Finanzamt, Girokonto und digitaler Erfassung dürfte es für einen mehrere Jahrhunderte alten Untoten deutlich schwieriger sein, unerkannt zu bleiben. Die Frage ist nicht, ob Dracula einen Instagram-Account hätte, sondern ob er die Anforderungen der deutschen Bürokratie erfüllen würde.“
So bleibt Halloween nicht nur ein Anlass zum Gruseln, sondern auch eine Einladung, vertraute Orte mit neuen Augen zu sehen. Denn vielleicht führte der Weg der berühmtesten Vampirfigur der Literaturgeschichte näher an Haar vorbei, als man zunächst vermuten würde.
Text: Dr. Peter Siemsen, Ortsvorsitzender und Pressesprecher der FDP Haar
Mitglied des Bezirksvorstands der FDP Oberbayern







