Ukrainische Schüler und Mütter erhalten fünf Wochen Kurs von der VHS

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Links Andreas Gebhard, dahinter Susanne von Tucher (Kursleiter), 2.v.re.o. Lulëzime Prekazi, Fachbereichsleiterin VHS Haar und Projektleiterin mit den Kindern und Jugendlichen aus der Ukraine.

Ein kleiner Beitrag für ein bisschen mehr Glück

Nik, Anastasia, Vlada, Valeria, Alex und Max: Die Jugendlichen sind zwischen 13 und 17 Jahre alt, sitzen in einem Klassenzimmer der St. Konrad-Schule, ziehen sich gegenseitig auf und lachen manchmal zusammen. Auf den ersten Blick „ganz normale Teenager“, der zweite, oder vielmehr das genaue Hinhören, offenbart die Herkunft der sechs jungen Menschen. Sie sind Flüchtlinge vor Putins völkerrechtswidrigen Angriffskrieg in ihrer Heimat Ukraine. Gemeinsam mit ihrem Kursleiter Andreas Gebhard, lernen sie, weit weg von allem Vertrauten, fünf Wochen lang die deutsche Sprache und bekommen einen ersten Einblick in die Gepflogenheiten des ihnen unbekannten Landes. „Als ich von dem Angebot „Talentcampus“ erfahren hatte, habe ich mich gleich alles in die Wege geleitet, da es sehr schnell gehen musste“, erzählt Lulëzime Prekazi. Die Fachbereichsleiterin an der VHS Haar ist zuständig für Schülerförderung und Nachmittagsbetreuung an den Schulen und Eltern- und Mütterangebote: „Mein Wunsch war es, den Menschen eine Aufgabe zu geben, damit sie, wenn sie morgens aufwachen wissen, was sie zu tun haben. Wenn sie sich darauf fokussieren können, lenkt sie das vielleicht ein bisschen ab“, so Prekazi.

Schnelle Umsetzung

Vielleicht erklärt sich Prekazis Engagement, weil sie selbst 1994 als 16-Jährige vor dem Krieg im Kosovo nach Deutschland flüchtet und daher genau die Bedürfnisse der Hilfesuchenden einschätzen kann. „Es ist ein Programm des Deutschen Volkshochschulverbands „Kultur macht stark“, gefördert vom Kultusministerium für Bildung und Forschung.“ Normalerweise, so Prekazi, handelt es sich dabei um geförderte Ferienangebote: „Das wurde glücklicherweise von heute auf morgen für die Flüchtlinge aus der Ukraine geöffnet. Es geht nicht nur um Sprache, sondern auch um kreative Angebote. Es müssen Bausteine gegeben sein, die mit Kultur zusammenhängen, wie Theater, kreatives Gestalten und Elternbildung.“

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„Mein Wunsch war es, den Menschen eine Aufgabe zu geben, damit sie, wenn sie morgens aufwachen wissen, was sie zu tun haben. Wenn sie sich darauf fokussieren können, lenkt sie das vielleicht ein bisschen ab.“

Lulëzime Prekazi, Fachbereichsleiterin an der VHS Haar

Herausforderung: der, die, das

Nik, Anastasia, Vlada, Valeria, Alex und Max beherrschen bereits sicher erste Sätze. Wenn die deutsche oder russische Verständigung mit ihrem Kursleiter dennoch hapert, geht es englisch weiter. Irgendwie und mit Händen und Füßen, aber es klappt. „Ich mag Deutschland“, sind sich die Teenager einig, die Deutschen seien sehr freundlich, alle fühlen sich gut aufgenommen. Die Technologie sei viel fortschrittlicher, aber die Grammatik „really“ schwer. Das weiß auch Andreas Gebhard. Seine wissbegierigen Schüler bringen ihn immer wieder an die Grenzen seines Wissens, wie auch die Duden-Hotline: „Die Artikel beschäftigen die Schüler sehr, wann etwas männlich, weiblich oder sächlich ist. Ich selbst habe die Duden-Hotline mehrfach angerufen und dort für fragende Gesichter gesorgt. Warum beispielsweise „die Butter“? Das ist schon anstrengend für die Schüler, denn sie haben das Gefühl, etwas gelernt zu haben und dann doch wieder nicht.“ Beeindruckt ist Gebhard, der auch als Unternehmensberater für Medien- und Kulturbetriebe tätig ist, wie „wahnsinnig gut informiert“ die Jugendlichen sind: „Sie beschäftigen sich mit vielen Dingen, die hier in Deutschland anders sind als in ihrer Heimat. Sie wissen, dass es hier viel bessere Ausbildungs- und Jobchancen gibt, was in Europa passiert und sind generell sehr am politischen Geschehen interessiert.“

Lernerfolg beachtlich

Im abgeteilten Raum nebenan stellen sich vier Kinder im Grundschulalter vor: „Ich heiße Ben, ich bin sieben Jahre alt. Ich heiße Sofia, ich bin zehn Jahre alt. Ich heiße Dennis, ich bin six, äh sechs Jahre alt. Ich heiße Kyril, ich bin neun Jahre alt.“ Sofia und Kyril schreiben dann die Sätze fehlerlos an die Tafel, ihre Heftführung ist vorbildlich. Nur auf den ersten zwei Seiten finden sich russische Begriffe in kyrillischer Schrift neben der lateinischen. Kursleiterin und Juristin Susanne von Tucher ist stolz auf „ihre“ kleine „Klasse“: „Die Kinder können nach der kurzen Zeit wirklich viel, zumal man bedenken muss, dass einige das lateinische Alphabet nicht kannten, beziehungsweise noch gar nicht eingeschult waren.“ Von Tucher stößt über eine Freundin zu dem Projekt. „Ich möchte das nach Abschluss dieses Projekts weitermachen, es liegt mir am Herzen den Kindern zu helfen, eine gute Verbindung aufzubauen und ihnen gleichzeitig spielerisch etwas beizubringen. Vor allem aber, sie lachen zu sehen“, beschreibt von Tucher ihre Motivation. „Deutschunterricht gab es dreimal pro Woche. Ich habe mit ihnen wichtige Standardformulierungen wie „Guten Morgen“ geübt, aber auch Zahlen, einige können sie bereits bis 100. Die anderen beiden Tage haben wir kreativ gearbeitet. Nebenbei habe ich deutsche Begriffe beigebracht wie Buntstift, Radiergummi, Farben und dergleichen.“

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Leid (mit)teilen

Zweimal pro Woche kommen Mütter zur Elternbildung. „Hier lernen sie erste Deutschkenntnisse, hauptsächlich geht es aber darum, Themen des Alltags zu besprechen. Beispielsweise geht es um Jobsuche, welche Behörden für was zuständig ist, Pflichten und Rechte.“ Den Kurs leitet Zara Batalova. Mit Prekazi und ihren Teilnehmerinnen eint sie ein Schicksal: die Tschetschenin flüchtet vor 20 Jahren aus ihrer Heimat vor dem Krieg. „Ich verstehe die Situation der Mütter, da es mir selbst ähnlich ergangen ist. Als wir uns das erste Mal trafen, haben wir alle zusammen geweint, sie wollten ihre schrecklichen Erlebnisse einfach nur rauslassen. Wir müssen auf diese Weise den „Inhalt verbrennen“, sagt Batalova schlicht. Soweit es ihr möglich ist, unterstützt Batalova über den Kurs hinaus die Frauen, ruft bei den Ämtern an, klärt und erledigt Dinge, „bevor sie sich woanders Hilfe suchen müssen“.

Aufrecht bleiben

Sofia, die bereits so schön schreiben kann, ist ihrer Mama Irina aus dem Gesicht geschnitten. Seit rund zwei Monaten sind die beiden in Deutschland, berichtet die 35-Jährige: „Die Menschen sind hier so offen, alles ist hier so sauber. Ich bin beeindruckt von der Hilfsbereitschaft und der Begeisterung. Durch dieses Projekt hier sind wir eine kleine Familie geworden, vielen Dank.“ Über das Erlebte kann die junge Frau noch nicht sprechen, es sei zu schmerzhaft. „Ich heiße Sascha und bin 29 Jahre und komme aus Kiew“, sagt eine weitere Mutter beinahe akzentfrei, bevor sie ins Russische wechselt: „Ich bin sehr verzweifelt, meine Heimat, einfach alles ist dort. Ich würde gerne ein neues Leben aufbauen, weiß aber noch nicht, was kommen wird.“ Soweit sie können, besprechen sie ihre Bedenken mit Zara Batalova, die offen zugibt: „Wenn wir über Zukunft sprechen, dann frage ich mich immer, welcher Rat richtig sein könnte.“ Lulëzime Prekazi betont die Dramatik der Situation. Es sei ein Unterschied als Kriegsflüchtling in ein fremdes Land zu kommen, das präge ein Leben lang: „Die Frauen sind zwangsweise von ihrer Familie getrennt, am liebsten würden sie wohl alle schreien. Einige denken darüber nach, sich hier ein neues Leben aufzubauen, andere, wie sie schnell zurückkehren können. Bemerkenswert ist, wie sie nicht aufgeben und verzagen, sondern die Hilfen annehmen, um weitermachen zu können.“ Andreas Gebhard zeigt die Situation, „wie globalisiert wir sind, auch mit kulturellen Unterschieden“. Es sei vermutlich nicht anders, wenn ein Norddeutscher, der Platt spricht und eine völlig andere Kultur erlebt hat, auf jemanden aus Niederbayern trifft. Gebhard belastet das Leid seiner Schüler, denn das müsse nicht sein. „Ich glaube nicht, dass es für die Ukrainer Glück ist, hier sein zu dürfen. Aber ich glaube, mit entsprechender Unterstützung können wir dazu beitragen, es hier für sie, zumindest einigermaßen, glücklich zu machen, egal ob sie hier bleiben oder nicht.“

Für Sie berichtete Manuela Praxl.

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