Gesprächsrunde im Kleinen Theater Haar anlässlich der Internationalen Wochen gegen Rassismus.
Wenn der Alltag tiefe Wunden reißt
Woher kommst du eigentlich? Warum trägst du ein Kopftuch? N*****, hau doch ab und friss Bananen!“ Farell, Sara und Jireh sind Deutsche, hier geboren und sozialisiert. Sie kennen derartige Sprüche nur allzu gut. Aggressive Anfeindungen und schlimme Beleidigungen erleben sie bereits in ihrer Kindheit, ob in der Schule von Klassenkameraden und Lehrern, im Supermarkt um die Ecke, bei Verkehrskontrollen oder, wenn sie auf der Straße spazieren gehen. Schlicht: im Alltag jederzeit und überall. Rassismus ist manchmal direkt und laut, ein anderes Mal leiser und subtiler. Das Kleine Theater Haar zeigt im Rahmen der Internationalen Wochen gegen Rassismus den Film von Johannes Rosenstein und Ralf Bücheler „Rassismus in Deutschland“ aus dem Jahr 2021 und beleuchtet in einer anschließenden Gesprächsrunde die verschiedenen Aspekte und ihre Wirkung.
Zwischen Mobbing und Mut
Unverblümt, ohne Effekthascherei, geben die Protagonisten Einblicke in ihr Leben, was es bedeutet im eigenen Land als fremd und befremdlich zu gelten, sich stets wehren oder aushalten zu müssen und sich immer und immer wieder für sein Dasein erklären zu müssen. Farell, derzeit Student, geht während der Dreharbeiten in die neunte Klasse. Schon damals engagiert er sich in einer AG gegen Rassismus und konfrontiert seine Mitschüler. In der Gesprächsrunde in Haar stellt er die provozierende These in den Raum: „Jeder trägt einen kleinen inneren Rassisten in sich.“ Moderator und Intendant Matthias Riedel-Rüppel nennt ein Beispiel: „Heute im Straßenverkehr hat mich ein Fahrer mit polnischem Kennzeichen geschnitten und ich habe entsprechend geflucht.“ Genau das sei es, sagt Farell. „Wie weit kann ich gehen, was ist eher ok und was ist beleidigend?“ Sara, die mit zwei abgeschlossenen Studiengängen inzwischen wissenschaftlich arbeitet, erinnert sich: „Ich habe als Muslima im Alter von zehn Jahren freiwillig beschlossen ein Kopftuch zu tragen. Meine Mitschüler haben mich gemobbt, der Lehrer hat mir das Empfehlungsschreiben fürs Gymnasium vorenthalten.“ Sara beißt sich durch und geht ein Jahr später trotzdem ins Gymnasium.
Gestern Gastarbeiter- Willkommen, heute Alltags-Hass
Rassismus habe deutlich zugenommen. Saras Mutter zählt zu ersten Gastarbeitergenerationen, erzählt Sara: „Damals waren die Menschen neugierig aufeinander, sagt meine Mutter. Heute, nach Jahrzehnten hier mit dem erstarkenden Rassismus, fühlt sie sich nicht mehr wohl.“ Biologische Menschenrassen gibt es nicht – eine Tatsache, die schon längst von der Wissenschaft belegt ist. Trotzdem heißt es im aktuellen Grundgesetz Artikel 3 Absatz 3 nach wie vor: „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden“. Verfechter plädieren seit langen für eine Streichung des Wortes „Rasse“ und schlagen neue Formulierungen wie „aus rassistischen Gründen“ oder „wegen rassistischer Zuschreibungen“ vor.
Eine scharfe Waffe
Im Film schildert Jireh seine schmerzhafte Realität und aktiven Kampf gegen das „NWort“. Es sei kein Relikt aus der Vergangenheit, vielmehr eine menschenverachtende Waffe, die er ständig abwehren müsse. Jireh erlebt ständig, wie Menschen das Wort verwenden, dabei die Schwere des Wortes verharmlosen, ihn angehen, weil er zu sensibel reagiere. Jireh spricht kompromisslos über die Wahrheit: Das Wort trete seine Menschenwürde mit Füßen. Seine Worte erinnern die Gesellschaft daran, wer schweigt, macht sich mitschuldig. Es gelte solchen Bezeichnungen unmissverständlich zu widersprechen.
Dialog als Brücke
Das geschilderte Erlebte der drei jungen Menschen wiegt schwer. In der Diskussion mit den Protagonisten und dem Publikum geht es Matthias Riedel- Rüppel darum, herauszufinden, wie eine Brücke aussehen muss und kann, ob und wie die Gesellschaft Unterschiede nicht nur aushalten, sondern auch einen und als Stärke begreifen kann. Es geht um Haltung, jederzeit – im Kleinen wie im Großen.
Seit 60 Jahren Kampf
Der Ursprung der Internationalen Wochen gegen Rassismus ist bewegend und erinnert an den 21. März 1966. Damals rufen die Vereinten Nationen den Gedenktag für die Opfer des Massakers von Sharpeville 1960 ins Leben. Bis zu 7000 schwarze Südafrikaner protestieren an jenem Datum sechs Jahre zuvor friedlich gegen die Passgesetze, die ihre Bewegungsfreiheit massiv einschränken. Die Polizei schießt schließlich auf die Unbewaffneten. Unter den 69 Toten befinden sich zehn Kinder. In Deutschland schließen sich seit 1995 verschiedene Aktivisten zusammen, um den Gedanken sich gegen Rassismus einsetzen zu müssen, weiterzutragen. Seit rund zehn Jahren koordiniert die gleichnamige Stiftung die Bewegung bundesweit und organisiert während der Aktionswochen über 300.000 Menschen in mehr als 5.000 Veranstaltungen mit dem Ziel den Blick für subtile Ausgrenzung zu schärfen und den Opfern eine Stimme zu geben.
Für Sie berichtete Manuela Praxl.












