Erinnern an die rund 4000 Opfer der „T4-Aktion“ Bayern an der „Bibliothek der Namen“ am Tag des Gedenkens der Opfer des Nationalsozialismus.
Vom Verwahren zum Heilen: Dunkle Geschichte bis moderne Therapie
kbo-Isar-Amper-Klinikum erweitert Ausstellung im Psychiatrie-Museum
Es kann jeden treffen: Frauen, Männer und Kinder: Nahezu jeder zweite Mensch leidet einmal im Leben an einer psychischen Erkrankung. Mentale Leiden zählen zu den häufigsten Krankheiten in unserer Gesellschaft. Sie wirken sich allumfassend auf das berufliche und das soziale Leben aus und hinterlassen im direkten Umfeld wie Familie, Freunde oder Arbeitskollegen Spuren. Frühzeitig erkannt, sind heute Erkrankungen wie Depressionen, Psychosen akute oder posttraumatische Belastungsstörungen oder Manien in Fachkliniken, Tageskliniken und Ambulanzen gut behandelbar. Das war nicht immer so.
Dokumentiert: Systematischer Mord an „unwertem Leben“
In der noch jungen Geschichte der Psychiatrie gibt es einige Kapitel, die dunkler kaum sein können. So nimmt die ehemalige Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar während des Nationalsozialismus eine zentrale Rolle in der NS-„Euthanasie“ ein und verantwortet die Verbrechen der T4-Aktion. Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen gelten als „unwertes Leben“. Durch Methoden wie gezielte Vernachlässigung, Überdosierung von Medikamenten oder kalorienärmste Kost im gefürchteten „Hungerhaus“ und die Deportation in Tötungsanstalten wie Schloss Hartheim, ermorden die Handlanger in Haar rund 4000 Menschen und machen auch vor den jüngsten Patienten nicht Halt. In der sogenannten „Kinderfachabteilung“ tötet Personal bewusst kleine Patienten unter dem Vorwand medizinischer Forschung.
Von den Gräueltaten der NS-Zeit bis zur heutigen Entwicklung
Seit Jahren setzt sich das kbo-Isar-Amper-Klinikum intensiv mit den schwierigen Aspekten der Psychiatriegeschichte im Allgemeinen und seiner im Besonderen in vielen Informations- und Gedenkveranstaltungen auseinander. Jedes Jahr beteiligt sich das Klinikum am 27. Januar (offizieller Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus) an der Erinnerungskultur, in diesem Jahr mit der Wanderausstellung „Ermordet in Grafeneck, Hartheim und Pirna-Sonnenstein – Die Opfer der „Aktion T4 aus Bayern” und dem Gedenken an Ofer an der „Bibliothek der Namen“. Darüber hinaus dokumentiert das Klinikum in historischen Räumen weitere Fakten aus seiner 115-Jahr währenden Historie. Seit kurzem präsentiert das Psychiatrie-Museum eine Erweiterung, die sich auf die Entwicklungen seit den 1970er Jahren konzentriert: „Wir haben versucht den Bogen zu spannen und Themen aufgefangen, die bisher noch nicht behandelt wurden“, erläutert die federführende Kuratorin Alina Penzel vom Bezirk Oberbayern. „Wir wollten ganz bewusst einen Raum schaffen, damit sich Leute mit ihren Einstellungen beschäftigen und sie hinterfragen können.” Es sei eigentlich eine Intervention, weil die Ausstellung mit der bestehenden arbeitet und an einzelnen Stellen ergänzt, kommentiert oder Fragen stellt.“
Vor rund 50 Jahren beginnt der Umbruch
„In den 70er Jahren hat der Bundestag Sachverständige beauftragt die unhaltbaren und bekannt gewordenen Missstände in der Psychiatrie, die eher Verwahranstalten glichen, zu dokumentieren. In der Folge wurde eine menschenorientiertere Psychiatrie gefordert. Damals sind Prozesse in Gang gekommen, die bis heute nicht abgeschlossen sind“, umreißt Penzel die Wichtigkeit des Auftrags. „Es sind Entwicklungen, die heute alltäglich und selbstverständlich in der psychiatrischen Behandlung sind, in Gang gekommen. Dazu gehören individuelle Therapien, ambulante Angebote oder Selbsthilfegruppen. So, wie ich es durch meine Arbeit verstanden habe, sind eigentlich die 1960er Jahre der Dreh- und Angelpunkt für den Start einzelner Initiativen. Damals gab es einen Generationenwechsel der Ärzte in den Kliniken.“ Der geht mit Umdenken einher, das breitflächige Veränderungen in den Kliniken möglich macht.
„Wir wünschen uns, dass möglichst viele Haarer ihren Weg hierher finden und vielleicht ihre Fragen hinterlassen und mit dem Museumsteam ins Gespräch kommen.“
Alina Penzel, Bezirk Oberbayern
Nicht auf alle Fragen gibt es Antworten
Die Ausstellung widmet sich der Kernfrage, warum psychische Erkrankungen nach wie vor mit Vorurteilen behaftet sind und warum es bis heute schwierig ist, darüber zu sprechen. „Das ist schade. Es herrschen immer noch komische Bilder im Kopf. Hier will die Klinik eine Schnittstelle schaffen, um Fragen stellen zu können. Man muss aber auch sagen: Manche bleiben ungeklärt.“ Direkt gegenüber vom Eingang steht eine schlichte, weiße Kommode. Jedes Schubfach steht für eine Diagnose: „Wir zeigen hier Krankheiten auf, die am häufigsten auftreten. Davon werden einige unterschätzt. Zum Beispiel ist eine Depression nicht einfach „nur Traurigkeit“. Es handelt sich um eine Erkrankung, die behandelt werden kann, wenn sie frühzeitig erkannt wird und man weiß, wohin man sich wenden kann. Im besten Fall wäre eine Gesellschaft ohne Schubladendenken wünschenswert“, so Penzel. Die Entwicklung „hin zum Individuum“, in der jeder Einzelne mit seinem ganz speziellen Krankheitsbild zähle, sei wichtig, betont Penzel. Das setze einen „kleinen Perspektivwechsel“ voraus, für den die Ausstellung sorgen will: „Wir stellen den Menschen stärker in den Mittelpunkt, so wie es in den 70ern gefordert wurde. Jeder kann sich hier über das große Netzwerk für Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen ein Bild machen.“ Penzel und vor allem das Museumsteam wünschen sich mit möglichst vielen Haarern ins Gespräch zu kommen, „die vielleicht die eine oder andere neue Frage hinterlassen.“
Für Sie berichtete Manuela Praxl.















































