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Unsichtbar vor Augen geführt: „Es war einfach nur schwarz.“ Das „Dunkel-Erlebnis“ in Haar baute Berührungsbarrieren ab

Kategorie: Veranstaltungen Veröffentlicht: 14. Juli 2017

Tasten, Hören, Riechen, Schmecken und dabei absolut nichts sehen, eine Erfahrung die das „Dunkel-Erlebnis" so eindrucksvoll werden ließ.

Im Rahmen des ZAMMA-Kulturfestivals von 1. bis 8. Juli in Haar hatten die Haarer Gelegenheit, in Begleitung eines Blinden in die unbekannte Welt hinein zu schnuppern und jede Menge zu erspüren.

Bild1 Dunkel-Erlebnis KO

Alexandra Schlotterer und Helmut Längl, die sich über den Andrang und das Interesse der ZAMMA-Besucher an Ihrem Projekt sehr freuen.

An der Seite von Alexandra Schlotterer und Helmut Längl, die beide Ihr Leben ohne Augenlicht meistern, ging es in Gruppen von sechs Personen durch eine Lichtschleuse in den Container. Hinein in die Welt der Blinden in völlige Dunkelheit.

Eine Erfahrung die ich kennenlernen wollte, weshalb ich es mir natürlich nicht nehmen ließ, selbst den Schritt ins Dunkel zu wagen.

Verschiedene Wandverkleidungen, Bodenbeläge wie Steine, Moos oder ein Wasserlauf, Luft- und Wärmeverhältnisse galt es zu entdecken. Während der 20-minütigen Reise ins Unsichtbare wartete ich stets auf den Moment, an dem sich die Augen an die Dunkelheit gewohnt haben und wieder Umrisse zu erkennen sind. Vergebens, es war einfach nur schwarz. Am Ende saßen wir an einer Bar, an der wir Getränke bestellten und mit den Begleitern ins Gespräch kamen.
Gar nicht so einfach, die passenden Geldmünzen abzuzählen. Münzen haben verschiedene Rillen und sind leicht erkennbar, schwieriger wird´ bei den Scheinen, die nur durch ihre unterschiedliche Länge erkennbar sind. „Manche nutzen dafür eine Schablone, manchmal muss man sich aber auch einfach auf ehrliche Mitmenschen und das richtige Wechselgeld verlassen", berichtet Helmut Längl vertrauensvoll.
Der Schluck aus der Flasche ohne das Wissen, ob es wirklich das Bestellte ist, stellte uns schon wieder vor die nächste Herausforderung.

Ein gutes Vierteljahr habe es gedauert bis er sich selbstständig zu Recht fand. Doch jetzt scheut er es nicht, alleine unterwegs zu sein. „Man bekommt eigentlich stets Hilfe, vor allem, wenn man danach fragt!", freut sich Helmut Längl.

Bewegende Worte, die der 67-jährige Helmut Längl, der seit nun über 16 Jahren aufgrund einer Netzhautentzündung völlig blind ist, da sprach: „Es gibt so viel Schlimmeres. Blind zu sein, ist für mich kein Grund mit dem Leben aufzuhören."

Auf die Frage, was er denn am meisten am Sehen vermisst, witzelte der ehemalige Maler spontan „die Madel". In Wirklichkeit sind es die Farben, die er sich jetzt eben vorstellen muss.
Nicht alle Menschen sehen ganz schwarz, manche erkennen noch schemenhaft Schatten. Wie sich das anfühlt, wurde anhand einer Brille mit 0,2 %-Sehstärke simuliert. Ein Gefühl, das nicht weniger verunsichert als komplette Blindheit.

Der enorme Andrang an der Führung durch das Dunkel-Erlebnis mit Wartezeiten von über eine Stunde, war der beste Beweis am Interesse der Besucher. „Natürlich gibt es immer wieder Berührungsbarrieren der Deutschen, das gilt aber für alle Menschen mit Handicap. Vermutlich liegt das eher an der deutschen Mentalität, als an Ablehnung", erklärten die Blinden.

Durch den Besuch der unsichtbaren Welt kann ich mir nun ansatzweise vorstellen, mit welchen Barrieren und Anstrengungen Blinde zurechtkommen müssen. Allerdings hatte ich ja auch das Glück durch einen abgeschlossenen Raum geführt zu werden. Nicht auszudenken, wie es sein muss sich außerhalb einer geschützten Umgebung zu Recht finden zu müssen.

Ich habe enormen Respekt vor Menschen wie Helmut Längl und Alexandra Schlotterer, die mit reichlich Lebensfreude und positiver Energie ihren Alltag meistern.
Eine Gabe die sicherlich nicht jeder hat und über welche auch zahlreiche Menschen mit Augenlicht oft nicht verfügen.

ZAMMA ist es mit diesem Projekt auf beeindruckende Weise gelungen, ein Paradebeispiel zu schaffen, wie Menschen am Leben anderer Menschen auf ergreifende Weise teilhaben können und das Unbekannte erlebbar zu machen.

Für Sie berichtete Karin Otto.

Bild2 Dunkel-Erlebnis KO

Die Brille simuliert 0,2 %-Sehstärke und die Karte lehrt das Blinden-ABC.

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