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»Macht mächtig Spaß!«

Kategorie: Politik Veröffentlicht: 15. September 2014

Die ersten 100 Tage der Ersten Bürgermeisterin Gabriele Müller

(Text/Fotos: rk) In das Amtszimmer der Ersten Bürgermeisterin kommen die wahrscheinlich letzten warmen Septembersonnenstrahlen und durchfluten den Raum. Noch sind in Bayern Schulferien. Aber Gabriele Müller ist bereits aus ihrem Urlaub zurück und erzählt von ihren Eindrücken und Erfahrungen des ersten Vierteljahres ihrer Amtszeit. Was bewegt diese Frau?

Der Urlaub habe nicht viel anders ausgesehen als in den Jahren als zweite Bürgermeisterin, meint sie zuerst, muss dann aber doch einräumen, dass sie im Vergleich zu früher täglich ihren E-Mail-Account checkte und auch Dringendes gleich beantwortete. Das hat aber an der Tatsache, dass sie gut abschalten kann, nichts verändert. Das habe sie sich beibehalten, stellt sie fest.

Auch ansonsten wusste sie ja, was auf sie zukommt. Sie kannte bereits die Verwaltung, die Terminfülle, die Verantwortlichkeiten und Sachthemen, die sie erwarteten. Da gab es keine Überraschungen. Das hat sie auch ihrem Vorgänger im Amt, Helmut Dworzak, zu verdanken, der einen sehr offenen Führungsstil gepflegt habe, sodass sie als Zweite Bürgermeisterin in den letzten sieben Jahren schon sehr viel Einblick in die Amtsgeschäfte gewonnen hätte. Zumal auch in den Urlaubszeiten, in denen sie Helmut Dworzak vertreten hatte.

Der Empfang zum Amtsantritt war auch entsprechend freundlich, gar herzlich. Sie sei mit offenen Armen empfangen worden, blickt Gabriele Müller zurück, mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Diese Menschlichkeit tut ihr gut. Das ist auch ein Hauptanliegen ihrer Politik: das Menschliche.

Doch genau dieser Aspekt wurde gleich zu Beginn auf eine harte Probe gestellt. Die angespannte Lage der Kinderbetreuung hat sie sehr getroffen. »Menschlich gesehen, war diese Situation für mich ganz schwierig«, bekennt sie heute. Der Grund liegt auch darin, dass sie selbst als Mutter eines Kindes mit Beeinträchtigungen um die Not fehlender Betreuungsplätze weiß. Gabriele Müller erlebt das alles am eigenen Leib. Sie muss die gleichen Probleme bewältigen wie die Eltern, die auf sie zukommen, wenn die Betreuungssituation sich als schwierig erweist. Aber die Kampagne der Gemeinde hat gefruchtet: neues Personal für die Kitas konnte gefunden werden. Erleichterung und Zufriedenheit zeigt sich auf dem Gesicht der Ersten Bürgermeisterin. Zusammen mit der VHS hat sie das Programm der Grundschule erweitern können, sodass im Hortbereich mit dem Grundschulkolleg vierzig Plätze zur Verfügung stehen. Und auch im Kita-Bereich zeichnet sich eine Entspannung ab. Durch das neue Personal können die meisten vorhandenen Plätze belegt und damit mehr Kinder aufgenommen werden. Allerdings steht das nächste Problem bereits vor der Tür. Die Stadt München will das Gehalt der Erzieherinnen anheben und somit um Fachkräfte werben. »Das ist eine bittere Pille für das Land«, meint sie.

Die Gewerbeeinnahmen zeigen sich im Moment zwar stabil, aber weiterhin kann die Gemeinde sich keine großen Sprünge leisten. Die Bürgermeisterin glaubt, durch den Amtswechsel bedingt hätten sich Investoren abwartend verhalten. Nun steigen die Anfragen so langsam wieder an. Und: Gott sei Dank habe sich die Hochhausdiskussion, die die politische Gemeinde im Moment in Atem hält, sich offensichtlich noch nicht negativ ausgewirkt.

100 Tage im Amt Bild5

Gabriele Müller, Erste Bürgermeisterin der Gemeinde Haar, ist nun seit mehr als 100 Tage im Amt. Zeit für ein Resümee im Gespräch mit Heiko Schmidt, Verlagsleiter des Haarer Echo. 

 

Das ist ein Punkt, bei dem die Bürgermeisterin nicht nur menschliche, sondern ganz persönliche Betroffenheit zeigt. Sie wirkt jetzt sehr ernst, ihr Blick wirdnachdenklich, aber sehr fokussiert. Ihre Konzentration entspricht der Sachlichkeit, die sie bei diesem Thema einfordert. Müller gibt zu, der »Zettel in der Wahlkabine mag unglücklich gewesen sein«, aber das, was ihr jetzt vorgeworfen werde, weist sie weit von sich. Und: Sie will kämpfen. »Ich habe immer in der Absicht der Sachlichkeit gehandelt und das will ich mir jetzt bestätigen lassen.« Der Gemeinderat hat sich auch in einer Ferienausschusssitzung einstimmig über alle Parteien hinweg hinter sie gestellt und dem Klageweg zugestimmt. Gleichzeitig wird mit dem Einreichen der Klage beim Verwaltungsgericht Zeit gewonnen. Zeit, die die Bürgermeisterin für weitere Gespräche nutzen möchte. Auch wenn die aktuelle Gesprächs- und Diskussionskultur sie enttäuscht hat. »Ich habe jetzt die Erfahrung machen müssen, dass nicht mehr alle Bürger mit sachlichen Argumenten zu erreichen sind.«

Es entspricht ihrer Person, den Kampf nicht zu scheuen und wenn es darauf ankommt, unerbittlich zu kämpfen, jedoch gleichzeitig unermüdlich das Gespräch zu suchen. Mit der Ungültigkeitserklärung des Bürgerentscheids hat das Landratsamt der Verwaltung verschiedene Wege vorgegeben. Diese sind sehr genau abzuwägen. Der Klage folgt der Prozess. Gabriele Müller ist felsenfest davon überzeugt, dass sie bestärkt aus einem solchen herausgehen würde, wenn es denn so weit käme. Aber so ein Prozess zieht sich hin. Das kostet Zeit. Zeit, in der die Gemeinde faktisch handlungsunfähig wäre. Deshalb weiß sie eigentlich schon jetzt, dass sie ihre persönliche Ehrverletzung – der Vorwurf der Wahlbeeinflussung mit dem „Zettel“ in der Wahlkabine trifft sie persönlich – hinter dem Wohl der Gemeinde zurückstecken muss.

Die Motivation weiterzumachen, weiter ihren Weg zu gehen holt sich die Bürgermeisterin auf der Straße, in den Läden, auf öffentlichen Plätzen, in den Gasthäusern. Es tue ihr außerordentlich gut, den Kontakt zu den Menschen zu wahren und immer wieder zu suchen. Diese Menschen geben ihr Zuspruch. »Das nährt die Bürgermeister-Seele«, weiß sie zu schätzen und lächelt. Der Blick entspannt sich und weitet sich wieder. Dieser Rückhalt in der Bevölkerung ist ihr sehr wichtig, das merkt man sofort. »Oft werden draußen die gleichen Themen besprochen, nur anders. Das erdet und rückt die Dinge wieder zurecht.«

Nach ihrer Erfahrung als erste Frau in diesem Amt befragt, fällt Gabriele Müller eine Geschichte ein, die ihr widerfahren ist: Sie klingelt an einer Haustür und will sich als neue Erste Bürgermeisterin der Gemeinde vorstellen. Es öffnet ein älterer Herr. Als er hört, wer sie ist, sagt der nur: Ja, mei, a Frau! Ja hobn mia denn koa Männer mehr, die des machn känna!?“ Sie besitzt den Humor, selbst darüber herzlich zu lachen. Es spiegelt auf der anderen Seite wider, dass das Mann-Frau-Thema vor ihr nicht Halt gemacht hat und noch nicht vom Tisch ist. Aber das nimmt sie locker. Auch, dass anfangs ihre Kompetenz bei dem einen oder anderen Sachthema eventuell angezweifelt wurde.

Gabriele Müller ist eine Frau, die sich nicht so schnell aus der Bahn werfen lässt. »Das ist der Vorteil des Alters«, sagt sie schmunzelnd. Sie ist überrascht, dass das Amt sie weniger anstrengt als der Schulalltag einer Förderschule. Gabriele Müller genießt jetzt jeden Morgen die Ruhe in ihrem Amtszimmer. Als Lehrerin ist sie etwas ganz anderes gewohnt gewesen. Da sei sie schon mittags, wenn sie nach Hause kam, kaputt gewesen. Die ständige Präsenz vor den Kindern beanspruche einen ganz anders, da falle nun viel Anspannung weg. Rückblickend auf die ersten 100 Tage stellt sie denn auch fest: »Es macht mächtig Spaß!«

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