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Aufgebrachte Mütter, empörte Väter

Kategorie: Politik Veröffentlicht: 01. Juli 2014

Wie kann die Betreuungslücke für viele Kinder berufstätiger Eltern geschlossen werden?

(Text/Foto: rk) Es herrschte dicke Luft im Bürgerhaus Haar. Die Stimmung war geladen. Bürgermeisterin Gabriele Müller hatte zu einem Elternabend am Donnerstag, 26. Juni 2014, zur Betreuungssituation in Haar eingeladen. Denn viele Mütter und Väter hatten im Mai auf ihre Anmeldungen zur Kinderbetreuung eine unerwartete Absage erhalten. Weshalb so spät? Und was nun?

„Wir nehmen die Sorgen der Eltern wirklich sehr ernst und wünschen uns ein offenes konstruktives Gespräch.“ Mit diesen Worten hatte die Bürgermeisterin die Eltern aufgerufen zum Informationsabend zu kommen, den sie für die Betroffenen und all ihre Fragen initiiert hatte.

Betreuungsengpass BildA

 

Sie alle wollen den Betreuungsengpass für die Kinder berufstätiger Eltern in Haar abwenden und arbeiten gemeinsam an den Lösungsmöglichkeiten: Susanne Hehnen (Sachgebietsleiterin Kindertagesstätten und soziale Einrichtungen), Alexandra Seyer (Aufsicht über Kindertageseinrichtungen des Kreisjugendamtes), Uwe Hacker (Leiter des Kreisjugendamtes) und Bürgermeisterin Gabriele Müller (v.l.n.r.)

Die angespannte Betreuungssituation und die vielen aufgebrachten Rückmeldungen hat das Rathaus alarmiert. Bürgermeisterin Gabriele Müller erkannte die Dringlichkeit des Themas. Mit Sachgebietsleiterin Kindertagesstätten und soziale Einrichtungen Susanne Hehnen stellten sich die Gemeinde einerseits und das Kreisjugendamt andererseits mit Leiter Uwe Hacker und mit Alexandra Seyer von der Aufsicht über Kindertageseinrichtungen den vielen Fragen der enttäuschten, teilweise sogar wütenden Eltern.

Um darzulegen, weshalb die Absagen so spät versandt wurden, stellte Bürgermeisterin Müller die Bedarfsplanung seitens der Gemeinde dar. Im Rückblick bekräftigte sie, wie viel die Gemeinde in den letzten Jahren für die Familien getan habe: Von 2010 bis 2013 wurden mehr als 300 zusätzliche Plätze im Kinderbetreuungsbereich geschaffen. In den Jahren zuvor wurde bei Bedarf viel gebaut, doch das reiche eben heute nicht mehr aus, so Gabriele Müller und sprach damit auch indirekt schon die Personalsituation an.

Insgesamt hat die Gemeinde derzeit 26 Einrichtungen mit 1.540 Plätzen. Doch diese Zahlen, die finanziellen Investitionen, die bisher schon geleistet wurden, interessierten die Anwesenden weniger. Es regte sich Unmut unter den Zuhörern. Die Eltern wollten weder auf die bisherigen Verdienste der Gemeinde zurückblicken noch der statistischen Bedarfsermittlung zuhören, sondern eine einfache Antwort darauf haben, wie es zum aktuellen Betreuungsengpass kommen konnte.

Bürgermeisterin Gabriele Müller kam auf den Personalmangel zu sprechen und welche Bemühungen die Gemeinde in dieser Richtung unternehme. Denn die Betriebserlaubnis hängt neben den Räumlichkeiten stark vom vorhandenen Personal ab, vom Fachkräfte- und Betreuerschlüssel. Ihr Vorgänger Bürgermeister Helmut Dworzak habe bereits am 1. April die bayerische Staatsministerin Emilia Müller schriftlich gebeten, die Genehmigungskriterien zugunsten von Hilfskräften zu lockern, um kurzfristig mehr Personal zur Betreuung einstellen zu können. Am 24. Juni traf die Antwort der Ministerin ein: „Trotz vielfältiger Maßnahmen wird die Spitze des Personalbedarfs voraussichtlich erst Ende 2016 überschritten sein.“

Die Diskussion, die entbrannte, zeigte dann aber, dass es ganz woanders im Argen liegt. Die Kommunikation zwischen den Trägern der Kinderbetreuung und den Eltern offenbarte große Defizite. Glaubten die Eltern ihrerseits, dass der Träger ihnen eine Zusage machen könne, so wird an diesem Abend deutlich, dass dies nicht der Fall ist und nicht sein kann.

Hatte die Gemeinde im Vorfeld einen Bedarf von 68 Plätzen ermittelt, so lagen die tatsächlichen Anmeldungen nun bei 118 Kindern. Das hängt wiederum mit der Schuleinschreibung zusammen. Erst mit dem Nachtermin für die Schulen Anfang Mai konnte die Gemeinde abgleichen, wie viele Hortplätze tatsächlich notwendig sind. Kritisch wurde die Situation auch noch durch die Pfingstferien, in denen manche Familien in Urlaub fuhren. So berichtete eine Mutter aufgebracht, dass sie ihren Urlaub unterbrechen musste, um die Betreuungssituation ihres Kindes zu klären.

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Der Gesprächsbedarf der Eltern war angesichts der kritischen Betreuungssituation von Kindern im Hort-Alter sehr hoch; das zeigte der Informationsabends am 26. Juni 2014, der von der Gemeindeverwaltung mit Vertretern des Kreisjugendamtes im Bürgersaal Haar veranstaltet wurde

Dass die Situation nicht zu erwarten war, bekräftigte Pfarrerin Dagmar Häfner-Becker, die selbst von ihren Einrichtungen berichtete, dass sie Ende April mit Anmeldungen förmlich überrannt worden wären. Sie bedauerte die Entwicklung: „Man möchte allen einen Platz geben und kann es nicht“, so Häfner-Becker und sie fuhr fort: „Wir stecken selbst im Dilemma.“

Claudia Engelmann, Leiterin des AWO-Horts in der Peter-Henlein-Straße, betonte, wie wichtig die Zusammensetzung einer Gruppe sei, die sich auch danach richte, wie viele Kinder welchem Geschlecht angehörten und welche Fähigkeiten die Kinder mitbrächten. Die Vertreter der Institutionen verneinten es, dass sie Zusagen zu einem Betreuungsplatz gäben, obwohl Eltern behaupteten, dies erhalten zu haben. Susanne Hehnen als Sachgebietsleiterin Kindertagesstätten und soziale Einrichtungen erklärte den empörten Eltern, dass die Gemeinde wiederum den freien Trägern nicht in die Platzvergabe reinreden könne.

So kam der nächste kritische Punkt zur Sprache: Gibt es Vergabekriterien und wie sehen diese aus? Von den Trägern wurde immer wieder betont, dass als Wichtigstes auf die Gruppenzusammensetzung nach pädagogischen Gesichtspunkten gesehen werde. Denn für sie stehe die Betreuungsqualität an erster Stelle. Das allerdings interessiert berufstätige, gestresste Eltern weniger. Ihnen kommt es darauf an, Kind und Berufstätigkeit unter einen Hut zu bekommen. Am schwierigsten gestaltet sich die Situation für Alleinerziehende. Berufstätigkeit und Eltern-Bedarf stehen pädagogischen Lehr- und Qualitätsgrundsätzen anscheinend unüberwindlich gegenüber.

Als Lösungsansatz bot Bürgermeisterin Müller ab September das VHS-Grundschulkolleg mit zusätzlichen 40 Plätzen an sowie die Errichtung von zwei Großtagespflegegruppen über die Nachbarschaftshilfe Haar e.V. Die kommunalen Kitas würden im August nicht den ganzen Monat schließen und sie wies auf die Sommerferienangebote der Nachbarschaftshilfe Haar e.V. und der Naturindianer hin.

Ein Übereinkommen war an diesem Abend nicht in Sicht. Doch angenähert haben sich die Seiten und der Elternabend vermochte es die höchsten Wogen zu glätten. Denn der Lösungswille, den auch das Kreisjugendamt aktiv unterstützen und fördern möchte – als „Ermöglichungsbehörde“, wie es Leiter Uwe Hacker nannte –, gilt für alle. Die Mütter wollen vorwärts schauen und die Verwaltung aus dem wahrgenommenen Ärger lernen.

Das Personalproblem, das die Eltern an diesem Abend weniger interessierte, geht die Gemeinde schon seit geraumer Zeit offensiv an. Denn allein mehr Personal würde die Situation etwas entlasten. Und: Die Anstrengungen des Rathauses lohnen sich: An diesem Abend stellte sich eine Kinderpflegerin mit ihren Unterlagen bei der Bürgermeisterin vor. Ein Lichtblick!

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