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Haarer Urgesteine erzählen Lebensgeschichten und nehmen uns mit auf eine Reise in das Haar vergangener Zeiten

Kategorie: Kultur Veröffentlicht: 14. Juli 2017

Wie schnell Erlebnisse in Vergessenheit geraten weiß jeder. Umso wichtiger ist es, besondere Momente für die nachfolgende Generation zu dokumentieren.
Einige Haarer haben genau das getan und einen Einblick in Ihr Leben im Haar vergangener Zeiten gegeben.

Im Rahmen des ZAMMA-Kulturfestivals konnten die Besucher der Ausstellung „Haarer Lebensgeschichten" im Seniorenclub in Haar viele Geschichten anhand Ausstellungstafeln erfahren. Am Montag den 3. Juli gab es auf einer Vernissage im Seniorenclub sogar die Gelegenheit, die Haarer Urgesteine persönlich kennenzulernen.

Bild1 Haarer Lebensgeschichten KO

Diese Haarer gaben Einblicke in Ihre Lebensgeschichten und machen das Haar vergangener Zeiten lebendig. Ute Kuhlman, Mitarbeiterin der Haarer Gemeindewerke (erste Reihe hinten) durfte die Interviews führen.

„Ungefähr 1.500 Jahre Erfahrung sind da zusammengekommen," eröffnete Walter Dürr der Geschäftsführer der Haarer Gemeindewerke die Veranstaltung. „Erfahrungen sind Schätze, die leider eine geringe Wertschätzung in unserer heutigen schnelllebigen Gesellschaft erfahren."

Umso wichtiger war es den Verantwortlichen des Projekts diese Schätze weiterzutragen.
Ute Kuhlmann, Mitarbeiterin der Haarer Gemeindewerke, durfte die Interviews führen. Mit großer Begeisterung und Leidenschaft erzählte sie von den einzelnen Gesprächen, die sie erlebt hat: „Die Interviews waren bereichernd, einige rührten mich sogar zu Tränen, viele der Geschichten haben mich noch ganz lange begleitet."

Die Geschichten und Erinnerungen der Zeitzeugen an das frühe 20. Jahrhundert sind manchmal lustig, manchmal weniger schön oder gar traurig. Eines haben Sie jedoch alle gemeinsam, sie sind fesselnd und unglaublich bewegend. Unter anderem haben mich am meisten die Beschreibungen der Orte hier in Haar berührt, weil mit Ihnen die Geschehnisse für mich irgendwie lebendig wurden. Oder....

...haben Sie gewusst, dass früher verliebte Pärchen in Haar an der Ecke Leibstraße und Bahnhofsplatz händchenhaltend im Kino saßen?
...haben Sie gewusst, dass unsere Wasserburger Landstraße erst 1973 vierspurig wurde?
...haben Sie gewusst, dass die Einwohner Haars im zweiten Weltkrieg in etlichen Nächten in Luftschutzbunkern die Bombeneinschläge in München hörten und spürten?
...haben Sie gewusst, dass in unserer Heil- und Pflegeanstalt Haar-Eglfing damals schreckliche Euthanasie-Morde begangen wurden, denen hunderte Menschenleben darunter auch Kinder zum Opfer fielen?
...haben Sie gewusst, dass an unserem Bahnhof in Haar ein Luftangriff auf einen Zug etliche Opfer forderte?
...haben Sie gewusst, dass eine junge Ersthelferin für einen Verletzten dort „zum Engel von Haar" wurde?

Nein? Dann nutzen Sie die Gelegenheit und lesen die ausführlichen Lebensgeschichten auf www.haar24.com/zamma oder sehen sich die Videos an, die die berührenden Stimmungen und Momentaufnahmen der Haarer Zeitzeugen eindrucksvoll vermitteln.

„Wir haben uns über kleine Dinge freuen können, die heute eine große, große Selbstverständlichkeit sind", berichtet Elfriede Schindler (Jahrgang 1940) oder darüber wie sie von Salmdorf nach Neufahrn mit dem Fahrrad in ein Tanzcafé gefahren sind und nachts um 2 oder 3 wieder heim. „Wir hatten eine andere Kindheit, wie die die man jetzt hat, aber sie war einfach, sie war bescheiden, man hatte Disziplin," erinnert sie sich weiter.

Margarethe Geiger (Jahrgang 1925) erinnert sich an die grauenvollen Erlebnisse in der Haarer Anstalt: „Es war eine Zeit in der praktisch fast keiner mehr dem anderen getraut hat. Oft sagen die Menschen, warum habt Ihr Euch da nicht gewehrt? Es hat sich einer vor dem anderen gefürchtet und da tut es einem halt weh, wenn die Menschen sagen, warum habt Ihr Euch denn nicht gewehrt." Dass es keine Möglichkeit gab, weil man „sofort weggekommen wäre, wenn man ertappt wurde", wissen die nachfolgenden Generationen natürlich nicht.
„Umso schöner war es dann als Friede war, man hat sich nicht mehr fürchten brauchen", beschreibt Frau Geiger das Kriegsende.

Horst Wiedemann (Jahrgang 1934) erinnert sich zum Bespiel an eine Zugfahrt bei der er einem amerikanischen Soldaten gegenübersaß, der eine Zigarette geraucht hatte und sie bei der Hälfte weggeschmissen hat. „Ich hab´ sie mir sofort geholt, die Kippe und hab Sie sehr teuer verkauft. Es war ein wertvolles Gut." Schwer vorstellbar, wie wenig die Menschen damals hatten. „Wer damals eine Zigarette gehabt hat, der hat schon allerhand eintauschen können, unter anderem auch Lebensmittel," erzählt er weiter.

Else Anselmi (Jahrgang 1927), die von einer wunderschönen Kindheit berichtet bis ein ganz schwarzer Tag kam, raubt einem den Atem mit Ihren Worten: „Am 16. August 1939 kamen zwei Herren, mit denen mein Vater mitgegangen ist und er kam nicht mehr am Abend."
Wie sich herausstellte war er in Untersuchungshaft, weil er zu den Königstreuen gehörte. Ein Jahr wussten Sie nicht ob er wiederkommt. Über den Gefängnisbesuch Ihres Vaters sagt sie „es war fürchterlich ihn da zu sehen."

Diese und noch viele weitere Haarer Lebensgeschichten gibt es zu erfahren. Ute Kuhlmann, die die insgesamt 26 Interviews geführt hat, beschreibt zu Recht: „Was man da zu hören bekommt, ist spannender als jeder Fernsehfilm."

Ein wunderbares Projekt, das die Gemeindewerke Haar zum ZAMMA-Kulturfestival beigetragen hat. Und nicht nur das. Für alle, die die Ausstellung verpasst haben gibt es ab sofort die Möglichkeit, die Ausstellungstafeln im Foyer der Gemeindewerke zu bestaunen. Haarer Einrichtungen können sich die Tafeln sogar ausleihen und bei sich präsentieren.

Für Sie berichtete Karin Otto.

Bild2 Haarer Lebensgeschichten KO

Die Ausstellungstafeln der Haarer Lebensgeschichten im Seniorenclub in Haar im Rahmen des ZAMMA-Kulturfestivals.

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