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Spurensuche

Kategorie: Kultur Veröffentlicht: 02. Mai 2014

Haarer Schüler auf dem Weg in die Vergangenheit

Zur Premierenfeier am Montag, 25. April 2016 um 20 Uhr, konnte nur eine begrenzte Anzahl von Gästen in die Aula des Ernst-Mach-Gymnasiums kommen. Dort erwartete sie ein einmaliges Projekt von Schülern der Mittelschule und des EMG. Mit regionalem Bezug zur Vergangenheitsbewältigung und mit Fragen, die in die Zukunft wiesen.

„Spurensuche - was für ein Mensch willst du sein" ist ein theatrales Recherche- und Workshop-Projekt. Es erinnert an die NS-Vergangenheit in Haar. Dafür haben sich 32 Schüler auf den Weg gemacht unter Leitung von Theaterpädagogin Farina Simbeck und Theater-AG-Leiter Thomas Ritter. Sie recherchierten vor Ort, unternahmen Exkursionen, führten Gespräche mit Zeitzeugen und beschäftigten sich mit der eigenen Familiengeschichte.

Daraus entstand von den Schülern ein Bühnenwerk der besonderen Art. Die klassische Trennung zwischen Bühne und Zuschauerraum wurde aufgehoben, die Zuschauer dem Geschehen unmittelbar ausgesetzt. Weg von der frontalen „zuschauenden" Bühnenansicht zur integrierten Interaktionsfläche. Weiße und braune Kartons befanden sich in der Aula. Einerseits Sitzmöbel für die Zuschauer, andererseits Teil der Inszenierung. Die Schüler trugen verschiedenfarbige T-Shirts. Sie agierten nicht nur von der Mitte aus. So fanden sich die Gäste teilweise mitten im Geschehen wieder. Ein ständiges Hin und Her, was einen einseitigen Blick auf das Dargestellte aufbrach und stets im wahrsten Sinne des Wortes einen Perspektivwechsel von allen, Akteuren und Zuschauern, verlangte.

Schüler verlasen im Chor und einzelnen Zahlen und Fakten in chronologischer Reihenfolge. Eingestreut wurden Zitate und Statements. Musik spielte zwischen den Szenenwechseln. Eine Einstimmung in das Thema, in die Zeitbetrachtung, die bis in die Gegenwart reichte. Dann aber plötzlich zwischendurch: Fragen. Noch amüsiert folgten die Zuschauer den polarisierenden Fragen wie zum Beispiel: „Handy mit gerader oder ungerader Nummer?", „Handy über oder unter 300 Euro?" Als diese scheinbar harmlosen Fragen sich jedoch als Basis für eine Bewertung in gut oder schlecht erwiesen, fühlten sich die Anwesenden mir nichts dir nichts selbst klassifiziert. Ohne, dass sie das im geringsten hätten beeinflussen können. Mit der Selektion wurde der Ton der Schüler zudem zunehmend schärfer.

Und da kam es hoch: ein Gefühl der Ohnmacht, ein Gefühl von Angst. Jeder in der Aula konnte den Transfer in die heutige Zeit verstehen. Diese Vergegenwärtigung der Mechanismen erschütterte. Es entblößte um so heftiger die noch heute zu hörenden Aussagen hinsichtlich der NS-Vergangenheit, die manches schön- und kleinreden wollen. Aber auch die Gegenwart, mit ihren unbedarften Statements zu Flüchtlingen, zu den Anderen, wurde damit kritisch beleuchtet. Den Schülern ist eine Brücke von der Vergangenheit in die Gegenwart auf ihrer Spurensuche vortrefflich und eindrucksvoll gelungen. Die Betroffenheit der zutiefst berührten Zuschauer belegte das. Wissen Sie, was Sie damals gemacht hätten? Das Stück schließt mit der Frage: „Was tust du heute?"

Spurensuche bild8Nach der gelungenen Aufführung (v.l.n.r.): Thomas Ritter (Leiter Theater-AG des EMG) Schüler der Mittelschule und des EMG, Erste Bürgermeisterin Gabriele Müller, Andreas Gebhard (Regisseur), Farina Simbeck (Theaterpädagogin) und Jürgen Partenheimer (Bürgerstiftung Haar)

Erst mehrere Projektpartner zusammen haben die Realisierung als Theaterstück in der Aula ermöglicht: die Bürgerstiftung Haar, die Weiße Rose Stiftung e.V., die Gemeinde Haar, die vhs Haar und die Kreissparkasse München-Starnberg-Ebersberg. Die Inszenierung ist noch eineinhalb Jahre nach dieser Premiere abruf- und buchbar. Jürgen Partenheimer von der Bürgerstiftung Haar: „Wir wünschen uns, dass das Stück auch noch an anderen Schulen aufgeführt wird."

Für Sie berichtete Reinhild Karasek.

Foto: Petra Schönberger

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