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Unermüdlich gegen Rechts

Kategorie: Kultur Veröffentlicht: 04. April 2016

Gastspiel von Esther Bejarano im EMG

Die 91-jährige Auschwitz-Überlebende geht dieses Jahr wieder auf Tour – und gas-tierte mit der Rap-Band Microphone Mafia am 17. März 2016 in Haar in der Aula des Ernst-Mach-Gymnasiums im Rahmen des Projekts „Spurensuche".

„Spurensuche" ist ein Projekt der Bürgerstiftung Haar und der Weiße Rose Stiftung. Die Bürgerstiftung Haar übernahm die Gage der Musiker, weshalb dieses einmalige Gastspiel im Rahmen des Projekts denn auch am EMG möglich war. Singend stand Esther Bejarano mit den Rappern der Band Microphone Mafia auf der Bühne. Während der Lesung aus ihrem Buch „Erinnerungen" klang ihre Stimme klar, deutlich, bestimmt und selbstbewusst. Ohne große Überleitung, ohne Umschweife, direkt, wie es ihre Art ist, begann sie zu lesen.

Hier stand zwar eine sehr kleine Frau auf der Bühne, aber ihre Statur täuscht. „Krümel" wird sie auch genannt. Doch sie ist nicht zu unterschätzen. Sie überlebte Konzentrationslager und Krieg – heute gibt sie Konzerte. Und was für welche! Mit der Kölner Rap-Band Microphone Mafia, in der neben Kutlu Yurtseven, Rossi Pennino auch ihr eigener Sohn Joram spielt, tourt Esther Bejarano wieder durch Deutschland. Sie weiß, was sie will und was sie tut.

Jetzt war die Gruppe in Haar. Esther Bejarano las vor und es war still in der Aula. Man hätte eine Stecknadel fallen hören. Die Stimmung? Leicht bedrückt. Sie vermittelte den Schülern, den Lehrern, den Gästen ihre persönlichen Eindrücke und Erlebnisse aus der Zeit im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, im berühmten Mädchenorchester von Auschwitz und im Frauen-Arbeitslager Ravensbrück, wo sie später Zwangsarbeit für Siemens verrichtete.

Dieses Erinnern, das Nicht-Vergessen liegt der 91-jährigen Künstlerin als eine der letzten Zeitzeugin sehr am Herzen. Vor allem will sie die jungen Generationen ansprechen. Ihr Credo: »Ihr macht euch schuldig, wenn ihr nichts über die Zeit wissen wollt.« Heute, angesichts des wachsenden Rechtsradikalismus im Land, erhebt sie wieder ihre Stimme zusammen mit einer Band, die allein aufgrund ihrer eigenen eigenwilligen Zusammensetzung Toleranz lebt: religions- und generationsübergreifend, mehrsprachig.

Esther Bejarano bild 2

Gegenwart und Vergangenheit verschmelzen beim Singen und Musizieren gegen Rechts durch die generationsübergreifende Darbietung von Esther Bejarano, Joram Bejarano (Esther Bejaranos Sohn) und Rossi Pennino (v.l.n.r.)

Die Rap-Musik ist vielleicht nicht jedermanns Geschmack. Doch bei den eher folkloristischen Klängen kam es sogar zum stimmungsvollen, rhythmischen Mit-Klatschen. Es wurde ebenso gelacht an diesem Abend: Wenn Kutlu Yurtseven oder Rossi Pennino humorvoll Anekdoten aus ihrem Leben zum Besten gaben. Nachdenklich wurde es, wenn den Zuhörern die Gewalt mitten in unserer Gesellschaft vor Augen geführt wurde, Rassismus hautnah, unterschätzt und heruntergespielt – die Gewalt der NSU.

Microphone Mafia brachte auch alte Widerstandslieder verschiedener Nationen auf die Bühne, antifaschistische und pazifistische. In ihrem Repertoire spielen sie Brecht, Eisler, Theodorakis, Boris Vian. Die Zeit dafür scheint heute wieder reif zu sein. Der Applaus und die Standing Ovations nach über zwei Stunden gaben ihnen Recht. Bejarano verabschiedete sich mit der Zugabe „Wir leben trotzdem, wir sind da! Hand in Hand, wir kämpfen um eine bessere Welt!"

Für Sie berichtete Reinhild Karasek.
Fotos: Petra Schönberger

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