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Klaus Maria Brandauer liest in Haar

Kategorie: Kultur Veröffentlicht: 14. Juli 2015

Von Prometheus zu Faust: der Wissenschaftler zwischen Göttern und Teufel

(Text/Foto:rk) Der Wiener Burgschauspieler Klaus Maria Brandauer hat den Weg nach Haar gefunden. Seine Lesung „Faust … ein gefesselter Prometheus?!“ findet am Sonntag, 12. Juli 2015, in einem ausverkauften Bürgersaal in Haar statt, nachdem er den Termin am 26. April 2015 schlichtweg vergessen hatte. Einen Ausweichtermin zu finden erschien zunächst schwierig, doch schon jetzt konnte das nachgeholt werden. Und für alle, die nun diesen Nachholtermin wahrnehmen konnte, hat es sich mehr als gelohnt!

Ohne Einleitung, unvermittelt tritt der gefeierte Schauspieler mit Arno Waschk auf die Bühne, setzt sich hin und beginnt zu lesen. Mit  einem Mal ist der Saal mucksmäuschenstill – das Publikum scheint den Atem anzuhalten. Eine Stecknadel, wäre sie auf den Boden gefallen, hätte eine Geräuschexplosion verursacht.

Dramatisch, elegisch, pathetisch – die Bandbreite der Schauspielkunst des Weltstars Brandauer während der Lesung lässt einen alles andere um sich herum vergessen. Sein Temperament während des Lesens imposant. Kaum zu glauben, welche Facetten möglich sind. Von den stimmlichen Variationen ganz zu schweigen. Er schreit, wird weinerlich, hysterisch, verzweifelt, aber auch leise und dann wieder sachlich, nüchtern. Dramatik reißt ihn mit sich fort. Er ist ständig in Bewegung, so scheint es. Ausholende Armbewegungen unterstreichen seine Mimik.

Prometheus, der Titan in der griechischen Mythologie, der den Menschen das Feuer brachte, steht für den Beginn der menschlichen Suche und des menschlichen Strebens nach Erkenntnis. Klaus Maria Brandauer räsoniert über die Wissenschaftler. Was treibt einen Wissenschaftler an? Was ist aus den Wissenschaftlern geworden? Nichts ist unheimlicher als der Mensch selbst, gibt er zu bedenken. Wo liegen die Unterschiede in der Anmaßung eines Prometheus oder der eines Faust, fragt der Schauspieler in den Saal.

Dr. Faustus - der Ur-Typ eines Wissenschaftlers, der, um seinen Wissensdrang zu stillen, seine Seele an den Teufel überschreibt. Angefangen vom mittelalterlichen Volksmärchen, über Johann Wolfgang Goethe, Gerhard Hauptmann und Thomas Mann bis hin zu Hans Magnus Enzensberger. Der moderne Mensch, der immer mehr und mehr wissen will. Ein eigensinniges Wesen in den Augen des Mimen. Und Mephisto übernimmt immer mehr menschliche Aufgaben, wie Manager, Logistiker, Verharmloser, aber auch Beschwichtiger.

Klaus Maria Brandauer abb 2

 

Applaus für den Weltstar – Klaus Maria Brandauer auf der Bühne des Bürgersaals in Haar, dank des Pianisten Arno Waschk (links), der ihn auf dem Flügel begleitet hat, sowie des Kulturvereins Haar e.V., deren Vorstandsmitglied Theresa Heil im Hintergrund zu sehen ist

Die Reflexionen von Klaus Maria Brandauer, die er immer wieder zwischen den Literaturstellen, die er vorliest, einfließen lässt, stimmen nachdenklich. Und die Betroffenheit greift um sich, als er aus der Sicht eines kleinen vierjährigen Jungen vom Abwurf der Atombombe in Hiroshima vorliest. Der Ich-Erzähler schildert die Vorkommnisse, ohne zu wissen, was sie bedeuten. Es scheint, dass selbst Brandauer die Augen feucht werden, so sehr geht er in seiner Rolle auf. „Ist das der Fortschritt, von dem so viele geträumt haben?“, fragt er dann wieder ins Publikum und führt weiter aus: „Aber der Blick geht nach vorn – oder zurück – zum Anfang. Alles wird zum Kreislauf.“

Mit dem bekannten Monolog des Faust „Habe nun, ach, Philosophie, Juristerei, Medizin und leider auch durchaus Theologie studiert. So stehe ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor.“ schließt der Schauspieler seinen Kreislauf, den er mit dem Prolog aus Goethes Faust begonnen hatte.

Die Musik von Arno Waschk, der Klaus Maria Brandauer auf dem Flügel begleitete, fügt sich harmonisch in den Vortrag – weder aufdringlich noch unbemerkt, dafür untermalend und ergänzend. Bestens aufeinander abgestimmt zu einer Einheit. Grandios! Beide ernten frenetischen Applaus und Bravo-Rufe des Publikums in Haar.

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