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Jugendkulturhaus Route 66 nach einem Jahr Pandemie

Kategorie: Kinder / Jugend Veröffentlicht: 02. Mai 2021

Notprogramm: Digitale Treffen
Alles ist blitzeblank im Jugendkulturhaus Route 66. Auf dem Billardtisch liegen die 15 Kugeln ordentlich zusammen, die Queues sind aufgeräumt, genauso verwaist hängt die Dartscheibe an der Wand, auf der Bühne stehen ungenutzt Instrumente. Seit einem Jahr sind die sonst frei zugängigen Türen des Jugendkulturhaus Route 66 geschlossen: „Offen gibt es seither nicht, es gibt nur kontrolliert", bringt Hannes Leiter die Situation auf den Punkt. Der pädagogische Mitarbeiter, selbst Vater zweier Teenager, spricht über den Widerspruch, den die Pandemie für die Philosophie des Hauses bedeutet. „In der Offenen Jugendarbeit haben wir es besonders schwer, weil wir mit den Prinzipien der Offenheit und Freiwilligkeit arbeiten." Kollegin Doris Mayer fügt an: „Diese Zeit verändert. Für mich sind die Eins-zu-Eins Gespräche immer sehr positiv. Das Zusammensein und der Austausch mit anderen fehlen, auch mir als Pädagogen, dafür lebt der Offene Betrieb."
Nähe fehlt
Mit einem „digitalen Notfallprogramm" versucht das Pädagogen-Team für die Jugendlichen da zu sein. Zweimal wöchentlich können sie sich über eine Online-Plattform im Route 66 treffen: „Wir waren echt überrascht, wie viele Kids das annehmen. Wenn wir uns einschalten, ploppt es auf und zack sind alle da", berichtet Franz Meier-Dini. „Aber das sind Kids, die schon vorher da waren, Mädels wie Jungs, Menschen mit oder ohne Behinderung. Gerade Menschen mit Behinderung, haben zu uns eine viel langlebigere Beziehung und sind entsprechend viel schneller bei den Onlineangeboten dabei", betont Hannes Leitner. „Zu uns kommen Leute, die den Kontakt suchen und wollen. Andere kommen nicht, schon gar nicht digital, die zocken zuhause oder treffen sich auf Plätzen." Das „Offene" für das das Haus stehe und Jugendliche „einfach reinschauen" und Billard oder Dart mit den Pädagogen spielen, sich dadurch Gespräche und vertrauensvolle Beziehungen entwickeln können, sei digital nicht möglich, stellt Hannes Leitner fest. Teenager, die das Haus sonst eher zufällig durch das niedrigschwellige Angebot kennenlernen, bleiben daher aus. Doris Mayer nickt und ergänzt: „Hier läuft normalerweise alles spielerisch ab. In Präsenz ist es komplett anders, man kommt sich da einfach näher."
Minimale Chancen nutzen
Die erfahrenen Pädagogen kennen die Sorgen und Nöte der Heranwachsenden genau: „Es geht ihnen nicht gut, wir merken das, da wir regemäßig mit ihnen sprechen. Der Wunsch nach persönlichem Kontakt wird immer größer", sagt Franz Meier-Dini. „Sie konnten es eine gewisse Zeit überbrücken, aber jetzt es für sie total perspektivenlos", weiß Doris Mayer." Sie können sich nicht auszuprobieren, sich und ihre Rolle zu finden, da muss man sie sehr stärken." Um das Bedürfnis ein wenig aufzufangen, treffen sich die Pädagogen, nach Terminabsprache, zur erlaubten Einzelbetreuung mit den Teenagern für bis zu 1,5 Stunden: „Wir gehen mit ihnen spazieren oder radln, sprechen über ihre Probleme und Wünsche. Es hilft ihnen, um aus dem Gefängnis „Zuhause", wie sie es nennen, herauszukommen", erklärt Meier-Dini. Auch Lehrlinge suchen den Kontakt zum Team: „Die haben in der Pandemie ihre Ausbildung begonnen. Die Belastung durch den Wechsel von Schule zur Lehre ist unter Normalbedingungen ja schon nicht einfach", erklärt Leitner.
Das Leben feiern - sobald es geht
Paradox sei die Lage für ihre Teilnehmer mit Behinderungen: „Rund 80 Prozent sind geimpft, die fragen, wann es wieder losgeht. Generell frage ich mich, wann Jugendliche geimpft werden oder soll das die Gruppe bleiben, die das Infektionsgeschehen oben hält? Grundschullehrer werden geimpft, wir in der Offenen Jugendarbeit nicht", äußert sich Meier-Dini über die, für viele verwirrende Impfstrategie. „Aber wir stecken den Kopf nicht in den Sand, wir blicken nach vorne." „Ja, wir müssen positiv und wertschätzend bleiben. Ich bestätige auch meinen Kindern immer wieder, wie super sie das machen. Wir haben tolle Jugendliche, die das klasse machen. Sie haben jetzt einfach Lust, mal wieder zu feiern", meint Hannes Leitner, der sich als sozialer Dienstleister versteht. „Und wenn das alles vorbei ist, werden wir hier jeden Tag Partys feiern oder ein Konzert veranstalten, eben alles machen, was im letzten Jahr nicht ging, da freue ich mich jetzt schon drauf."
Für Sie berichtete Manuela Praxl.

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