Doris Keymer, Vorstand der Nachbarschaftshilfe mit Gottfried Lüthen, der sich seit Jahren als Jobpate engagiert.
Vom Sinn des Ehrenamts:
Nachbarschaftshilfe unterstützt Mittelschüler
Mittelschüler müssen sich bereits mit 14 oder 15 Jahren konkrete Gedanken über ihre weitere Zukunft machen. Soll es eine weiterführende Schule sein oder lieber eine Ausbildung? Fällt die Entscheidung für eine Lehre, im besten Fall für den Traumberuf, gilt es eine nächste Hürde zu nehmen: Bewerbung. Klingt in vieler Ohren selbstverständlich, doch oft entpuppt sich die geforderte Selbstdarstellung als echter Knackpunkt. Zum einen geht es um die Einhaltung üblicher Formalien, zum anderen darum, im Gespräch mit einem potenziellen Arbeitgeber bestehen zu können. Was bereits Berufserfahrenen den Schweiß auf die Stirn treibt, scheint für viele Jugendliche eine schier unüberwindbare Barriere zu sein, manchen fehlt gar der Mut für ein Telefonat. Hier setzt die Nachbarschaftshilfe an und stellt seit Jahren in enger Zusammenarbeit mit der Mittelschule, Schülern der neunten und zehnten Klasse „Jobpaten“ zur Seite. „Aus meiner Sicht ist der Bedarf sehr groß, viele sind einfach unvorbereitet“, so Doris Keymer, Vorstand der NBH. „Wir müssen allerdings realistisch sein: Viele wollen sich gar nicht helfen lassen, andere wiederum sind begeistert dabei.“
Test unter Realbedingungen
Einer dieser Jobpaten des siebenköpfigen Teams ist Gottfried Lüthen, der sich seit 2012 im Ruhestand befindet. „Nachdem ich nur durch die Hilfe vieler überlebt habe, wollte ich etwas zurückgeben“, erklärt Lüthen seine Motivation und beschreibt das Projekt. „Unsere Aufgabe teilt sich in zwei Bereiche, den Bewerbungsgesprächen und der individuellen Betreuung. In der neunten Klasse schreiben die Schüler eine Bewerbung und kommen zu festen Terminen zu uns. Als unbekannte Externe mimen wir potenziellen Arbeitgeber. Das ist die erste Konfrontation mit der Realität.“ Doris Keymer stimmt zu: „Für die Schüler ist das eine Art Generalprobe, sie bereiten sich richtig vor, sind nervös vor den Paten, die sie nicht kennen.“ Auf Wunsch betreuen die Jobpaten Schüler zusätzlich individuell. Generell sei dazu ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis nötig, außerdem müssen Erziehungsberechtigten zustimmen, so Keymer.
Was kann ich, was will ich und wer erlaubt mir das zu machen?
Es gebe Schüler mit sehr konkreten Vorstellungen, bei anderen beginne es damit, die Unterlagen mit passenden Anschreiben zu vervollständigen. „Letztlich geht es darum, den Schülern beizubringen, ihren Wert vermitteln zu können. Wir versuchen herauszufinden, ob sie sich ihrer Fähigkeiten bewusst sind und die Frage zu klären, warum sie ein möglicher Arbeitgeber einstellen soll. Sie sollen lernen, die eigenen Stärken entsprechend zu verkaufen“, erklärt Lüthen. Schließlich und auch das erfahren seine Klienten, investiere der mögliche Arbeitgeber viele tausend Euro jährlich in deren Ausbildung. Manchmal allerdings müsse er sich selbst überschätzenden Schülern helfen, ihre Kenntnisse und Begabungen wirklichkeitsnah einordnen zu können. „Nicht jeder, der zuhause gerne ein bisschen malt, entspricht den Anforderungen für den Grafiker Beruf“, sagt Lüthen.

„Letztlich geht es darum den Schülern beizubringen, ihren Wert vermitteln zu können. Wir versuchen herauszufinden, ob sie sich ihrer Fähigkeiten bewusst sind und die Frage zu klären, warum sie ein möglicher Arbeitgeber einstellen soll, also die eigenen Stärken entsprechend zu verkaufen.“
Gottfried Lüthen, Jobpate
Grundvoraussetzung: Interesse an Menschen
Die Aufgabe als Pate sei sehr erfüllend, allerdings könne aus Lüthens Sicht das Amt nicht jeder übernehmen: „Man muss Menschen generell lieben, braucht eine hohe Frustrationsgrenze oder viel Resilienz, weil es auch zu Situationen kommt, da macht der Schüler möglicherweise nicht so mit“, weiß Lüthen. Es brauche ein wenig Geduld, da es sich um sehr junge Menschen handele: „Sie befinden sich auf dem Weg und büxen zwischendurch auch Mal aus. Das muss einem klar sein.“ Doris Keymer bestätigt iund bringt es unmissverständlich auf den Punkt: „Wenn man den Job macht, sollte man keine Dankbarkeit erwarten.“ In der Regel erfahre das Team nichts vom Erfolg oder Misserfolg der Vorbereitung. Das sei aber kein Kriterium betonen beide. „Wir können keinen Schüler dazu zwingen“, betont Doris Keymer „wir können nur die Hilfe anbieten. Aber ich glaube, dass wir nicht aufgeben dürfen, denn ich finde es katastrophal, wenn bereits an dieser Stelle ein so junger Mensch durchs Raster fällt.“
Jobpaten
der Nachbarschaftshilfe Haar e. V.
Gronsdorfer Straße 1
85540 Haar
d.keymer@nbh-haar.de
Für Sie berichtete Manuela Praxl.












