Bestens besucht: Die Haarer interessieren sich für die Belange ihrer Stadt.
Großer Andrang und starke Beteiligung
Rien ne va plus – nichts geht mehr im bis auf den letzten Platz besetzten Saal im Bürgerhaus. Rund 230 Haarer lassen sich die Bürgerversammlung im Dezember nicht entgehen, dazu nutzen bis zu 200 das Online-Angebot der hybriden Veranstaltung. Landrat Christoph Göbel richtet kurz das Wort an die Anwesenden und übergibt an den Rathauschef Andreas Bukowski, der in knapp zwei Stunden mit Zahlen und Fakten über die aktuelle Lage Haars von den Finanzen, über die Gewerbeentwicklung, den Stand in der Leibstraße, bis hin zur Kita-Situation ausführlich berichtet. Vorab sei es ihm wichtig Danke zu sagen, so Bukoski und witzelt angesichts der anstehenden Wahlen: „Nein, nicht abdanken.“ Er spricht die schwierigen Herausforderungen speziell in der ersten Hälfte seiner Amtsperiode an, wie Corona und direkt im Anschluss Putins Angriffskrieg und die damit verbundenen Folgen für Haar: „Viele Menschen haben Initiative gezeigt und Ukrainer aufgenommen.“
Finanzen, Verkehr und Bildung
Die problematische Haushaltssituation durch fehlende Gewerbeeinnahmen, ist ein weiteres Topthema auf der Agenda. Wie zuvor bereits Göbel für den Landkreis, verdeutlicht er die große Aufgabe Haars soziale Pflichtleistungen stemmen zu können. Im Landkreis fallen etwa 60 Prozent für soziale Sicherungen an. Dazu kommen Kosten für den öffentlichen Nahverkehr. „Viele Menschen pendeln hin und her und kommen in den Landkreis. Das hat sich umgedreht, das bedeutet wir müssen enorm viel mehr tun“, meint Bukowski, es brauche ein stärkere, schnelles und leistungsfähiges S-Bahnnetz: „Der Schnellbus funktioniert nicht, wenn sie im Stau stecken.“ Außerdem benötige es weitere Busfahrer. Wegen des Fachkräftemangels sei das Problem nicht einfach zu lösen: „Vergangenes Jahr konnte ein Bus nicht fahren wegen eines fehlenden Busfahrers.“ Der bundesweit erste Flex-Bus, ein innovatives On-Demand-Angebot, erweise sich als erfolgreich. „Da geht es jetzt darum, ein paar „Kinderkrankheiten“ in den Griff zu bekommen, dass er auch richtig fährt. Mit Hilfe eines Smartphones errechnet optimale Verbindungen und nimmt mehrere Leute gleichzeitig auf“, erklärt Bukowski. Ein weiteres Thema sind die weiterführenden Schulen: „Vor über zehn Jahren kam die Genehmigung für Realschule und FOS. Schon mit Gabriele Müller wurden viele Möglichkeiten durchforstet. Jetzt sind wir fündig.“ Mit über 1000 Schülern, davon etwa zehn Prozent aus Haar, sei die FOS ein „enorm erfolgreiches“ Schulangebot. Bukowski gibt dann einen intensiven Einblick in den beschlossenen Haushalt und weist auf die leicht steigenden Einnahmen hin, die aber bei weitem nicht ausreichend seien: „Die müssen wir deutlich verbessern“, betont Bukowski.
Bürger beteiligen sich
Neu in der Bürgerversammlung sind zwischendurch gestreute Umfragen, die Teilnehmer einladen über ihr Smarthone mitzumachen und die gestellten Fragen des Bürgermeisters zu beantworten. In einer Frage geht es beispielsweise um gewünschte oder fehlende Einkaufsmöglichkeiten. Die Palette der Antworten reicht vom Erotikshop über das „nette“ Café bis zum Indoorspielplatz, vor allem aber scheinen die Haarer eine größere Auswahl in Sachen Shopping (Bekleidung) zu vermissen, genauso wie einen Biomarkt oder eine Kneipe beziehungsweise Bar. Seit Jahren treibt Bukowski die Idee „Circular City“ an und wiederholt die Chance, die sich für die Stadt ergeben können. Lothar Rast meldet sich aus der Bürgerschaft. Rast könne auf 30 Jahre Erfahrung in dem Bereich zurückblicken und bietet Bukowski ein Gespräch an. Jahrzehnte unterstützte Rast in Entwicklungsländern Projekte der Kreislaufwirtschaft. Unter den Begriff „Circular City“ falle einiges und es sei wichtig für Haar das geeignetste Modell zu finden. Johannes Ziegler regt eine Zweckentfremdungssatzung an, um gegen die teilweise jahrelang leerstehenden Wohnung vorgehen zu können. Zwar könne jeder mit seinem Eigentum machen, was er wolle, so Ziegler, aber sozial sei es nicht. Das sei eine sehr harte Vorgehensweise, die kaum Aussicht auf Erfolg habe, meint Bukowski. Andreas Dingler stellt einen Antrag mit gleich mehreren Fragen zur Finckwiese. Mehrheitlich stimmen die Bürger zum einen den vorhabenbezogenen Bebauungsplan auf großzügige Ausgleichsflächen südlich des Gewerbegebiets und zum anderen die Möglichkeit eines Stadtwalds nach Würzburger Vorbild durch den Stadtrat zu prüfen.
Für Sie berichtete Manuela Praxl.
















